Coming-Out in evangelischer Familie

Diesen Text habe ich ursprünglich für das SM-Magazin "Schlagzeilen" (kurz: SZ) geschrieben.

Mein Opa ist evangelischer Pfarrer. Nach einer dramatischen Scheidung meiner Eltern im frühen Kindesalter lebte ich bis zu meinem 10. Lebensjahr bei meinen Großeltern auf einem Dorf mit höchstens 500 Einwohnern. Ich war “es Enkelche vom Parre” (= das Enkelkind vom Pastor).

Ich bin nicht etwa damit aufgewachsen, daß Homosexualität und sonstige “Abnormitäten” Sünde seien. Nein, solange ich selbst mit derartigen Dingen nicht bewußt befaßt war, sprach ich das meinerseits nicht an - und solange ich es nicht ansprach, sah auch sonst niemand die Notwendigkeit, derartige Eigenheiten zu thematisieren: Es gab sie einfach nicht!

Ich denke nicht einmal, daß Opa und Oma “so etwas” bewußt totgeschwiegen haben. Es gab in ihrem Umfeld wirklich niemanden, der sich zu abweichender Sexualität bekannte. Somit auch keinen Grund, sich darüber zu äußern - nicht einmal verurteilend.

Als ich zum Gymnasium wechselte, zog ich zu meiner Mutter und zu deren neuem Freund. Mit 12 Jahren entdeckte ich in der zweiten Bücherreihe im Wohnzimmerschrank diverse (wirklich recht sachliche!) Aufklärungsbücher, und in einem davon stand drin, daß Bisexualität normal sei. Ich las es, akzeptierte es, stellte es nicht in Frage.

Ob ich es so leicht hinnahm, weil ich bereits Bi-Neigungen hatte, und ob mir deswegen nur das spätere Bi-Coming-Out dann leichter fiel, oder ob ich erst dadurch eine gedankliche Offenheit für Zuneigung zu beiden damals denkbaren Geschlechtern entwickelte, wird sich wohl nie klären lassen. Ich glaube eigentlich noch immer, daß Bi-Sexualität (mit verschieden stark ausgeprägten Schwerpunkts-Präferenzen) natürlich ist und es oft nur kulturelle Vorgaben sind, die uns zu einer klaren Entscheidung “mit” oder “gegen” den Mainstream zwingen. Aber das ist für diesen Aufsatz letztlich auch egal.

Ich war durch meine Glaubenserziehung ganz klar so geprägt, daß es “der eine richtige Mensch” sein muss, mit dem ich eine lebenslange Bindung eingehe. Und anstatt zu denken “Wenn ich später mal einen Mann habe” dachte ich seit der Lektüre des Buches “Wenn ich später mal einen Mann oder eine Frau habe”. Dieser Gedanke war für mich in sich total stimmig, kein Grund zur Besorgnis und ich hatte weiterhin keinen Anlaß, darüber zu sprechen.

Bis ich mich mit 17 in eine Frau verliebte. Die sprach ich an, und die gab mir einen Korb - aber auch ohne Verurteilung der gleichgeschlechtlichen Avance, sondern ganz einfach einen Korb. Fast gleichzeitig ließ sie auch einen männlicher Verehrer abblitzen, und ich erinnere ich mich an eine Situation, wo wir es trotzdem beide -gemeinsam mit ihr vor dem Fernseher in ihrem Zimmerchen sitzend, sie in der Mitte- bei ihr versuchten und sie einfach nur sagte: “Eva und Micha, alle beide, Finger weg, sonst fliegt ihr raus!” Ich fand mich damit ab, sie weiter unerfüllt zu begehren und thematisierte die Neigung noch immer nicht.

Drei Jahre später war ich dann in eine verheiratete Frau verliebt. Da ich mit der Ethik erzogen war, daß Ehebruch Sünde sei, und da es mir schwer fiel, der Versuchung zu widerstehen, sie zumindest zu umwerben, sprach ich ganz naiv mit meinem christlichen Hauskreis darüber. Ich wollte, daß wir gemeinsam dafür beten, daß ich “die Stärke und Kraft habe, der Versuchung zu widerstehen” und daß ich “stattdessen lieber eine Frau finde, die noch zu haben ist.”

Jedem männlichen Hauskreismitglied hätte die Gruppe den Gebetswunsch erfüllt. Mir nicht. Das Wort “Sünde” stand zum ersten Mal für mein Empfinden im Raum.

Es paßte nicht zu meinem Glaubensverständnis. Ich war so erzogen worden, daß einige Verse aus der Bibel wortwörtlich zu nehmen sind und andere durch die jeweiligen Welt- und Kulturbilder der damaligen Zeit geprägt sind, und “ins Heute übertragen” werden müssen. Da ich wußte, daß Ehen früher primäre Versorgungs- und nicht Liebesgemeinschaften waren, wo nur Männer gute Ernährer sein konnten, sah ich für die Gegengeschlechtlichkeit der monogamen Bindung in heutiger Zeit die Grundlage nicht mehr.;

Trotzdem kriegte ich nun auch mit, daß Opas theologische Haltung auch Contra-Homo war. In großelterlichen Haushalt trafen Hefte wie “Kein anderes Evangelium” und “Idea” im Monatsabo ein, und als die Kirchendiskussion um die Segnung der Homo-Ehe hochkochte, sprach ich das Thema endlich an und fragte meinen Großvater, wie er denn dazu stehe. Er ereiferte sich gegen die Homo-Segnung, und ich sagte nur: “Also, wenn ich heiraten würde, dann wäre es vielleicht auch eine Frau.” Mein Opa erwiderte: “Das ist Blödsinn!” und dann wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Ab da kann man wirklich von bewußtem Totschweigen reden.

Wie war es bei mir daheim bei Mutter und Stiefvater? Mit meinem Stiefvater sprach ich nicht über Sexualität, in meiner Mutter sah ich -vielleicht, weil ich erst so spät zu ihr gekommen war- lange die beste Freundin und Vertraute. Sie wußte, daß ich mich in Frauen verliebte, und bat mich nur: “Aber sag es nicht deinen Großeltern!”

SM kam dazu, als ich 21 war. Dank einer wunderbaren SM-lesbischen Affäre schien ich endlich wirklich meine erotische Heimat gefunden zu haben, denn SM mit ihr war besser als jeder bis dato erlebte Vanilla-Sex mit Mann oder Frau.

Ich erzählte meiner Mutter von SM. Sie war nicht gerade begeistert, aber sie nahm es hin. “Aber sag es nicht deinen Großeltern!”

Das Geheimnis vor meinen Großeltern begleitete mich lange. Und es quälte mich. Immer wieder gab es Situationen, wo ich mich nur in Lügen flüchten konnte, wollte bzw. durfte ich doch die Wahrheit nicht verraten. Zum Beispiel war ich unterwags zu einem SM-Camp und hatte auf dem Weg noch einen Abstecher zum großelterlichen Zuhause gemacht, weil es auf dem Weg lag. Unerwartet wollte Opa mir noch etwas mitgeben und mir ein schwereres Paket ans Auto bringen - aber da lagen die Rohrstöcke doch im Kofferraum! Ich schleppte mich also mit meinem Paket ab und belog ihn irgendwie, wieso ich mir nicht helfen lassen wollte.

Oma hatte bis dato immer mit mir gemeinsam das Bad nutzen können, wenn ich mich z.B. duschte und sie währenddessen die Zähne putzte. Auf einmal fauchte ich sie an, wenn sie ohne anzuklopfen ins Bad kam - denn ich hatte ein Nippelpiercing, das sie nicht entdecken durfte! (Jahre später hat sie mir verraten, wie sehr sie meine unerklärlichen Aggressionen verletzt haben, und ich bedaure es noch heute, ihr nicht früher reinen Wein eingeschenkt zu haben.)

Selbiges Nippelpiercing brachte es auch mit, daß ich Betaisodona bei mir hatte - und auch dazu fand ich eine Lüge, als Oma mich besorgt fragte, ob ich verletzt sei.

Es war scheußlich. Bei jeder Überweisung, die mir meine Großeltern während meines Studiums zukommen ließen, hatte ich Angst, Gelder daraus zu veruntreuen und meine Familie zu hintergehen, wenn ich sie für die Dinge ausgab, die mich interessierten: Playparties und Toys. Ich fing sogar an, “harmlose” Parallelaktivitäten wirklich zu praktizieren, nur um meinen Großeltern davon zu erzählen und ihnen eine Freude zu machen. Sie fanden es schön, wenn ich von Zoobesuchen und Theateraufführungen erzählte, also ging ich ins Zoo und ins Theater, nur um sie nicht anzulügen.

Alles brach auf, als ich mit meiner Physik-Karriere haderte: Der für mich zuständige Abteilungsleiter des Forschungs-Instituts, an welchem ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin begonnen hatte (zugegebenermaßen nicht, weil die Stelle wirklich besonders attraktiv auf mich gewirkt hatte, sondern weil ich nach einer Rechtfertigung gesucht hatte, meinen Wohnsitz nach Berlin zu verlegen, näher zur heißbegehrten Szene also) entpuppte sich als Ekel, der vielleicht einen tollen Dom abgegeben hätte (er liebte es, unerfüllbare Aufgaben zu stellen oder erst zu einer Handlung zu provozieren und dann dafür zu strafen), aber kein guter Vorgesetzter war. Nach endlosen Überstunden Abend für Abend sowie an den Wochenenden, die definitiv verhinderten, daß ich von der Berliner Szene überhaupt erwähnenswert viel mitbekam, hatte ich die Schnauze voll und entschied mich, meine Vertragsverlängerung nicht anzunehmen. Nun stand ich da ohne Physik-Job und ohne Zukunfts-Perspektive, denn für die ursprünglich angestrebte Bahn hätte ich diese Zusatzqualifikation gebraucht.

Da fragte mich mein Opa dann besorgt: “Aber Kind, weißt du denn überhaupt, was du jetzt beruflich machen willst?” und ergänzte auch: “Es muss doch etwas geben, was du gern tust.” Und alles in mir schrie: “Domina! Domina! Domina!” Brav, wie ich nun einmal zu der Zeit noch war, verschwieg ich diesen Gedanken aber und stotterte nur unglücklich herum.

Tatsächlich habe ich in Berlin den Zugang auch zur kommerziellen Szene gefunden - wohl, um mir selbst ein Schnippchen zu schlagen, weil ich die privat geplanten Aktivitäten zugunsten der unerfreulichen Arbeit immer und immer wieder verschob - eine Nebenjobsverpflichtung aber natürlich einhalten “mußte”: Für einen Abend pro Woche hatte ich einem SM-Studio meine Anwesenheit fest zugesagt, und obwohl es mir dort nicht so gut gefiel, wie ich erhofft/erwartet gehabt hätte, kreisten nun meine Gedanken immer öfter darum, wie eine dominant-sadistische Sessiondienstleistung wohl aussehen müßte, damit sie aus meiner Sicht sowohl für die Anbieterin als auch für den Kunden/die Kundin attraktiv sein könne. Da ich privat switche, konnte ich mich in beide Seiten durchaus einfühlen. Ich beendete meine Studio-Mitwirkung und fing an, in meiner eigenen Wohnung, ursprünglich einer Studenten-WG, zu empfangen - wie das so ablief, dazu könnte ich einen eigenen Aufsatz schreiben….

Und Opa fragte wieder: “Kind, was machst du denn jetzt? Wovon willst du denn leben?” Ich entschied mich für eine Halbwahrheit und schrieb ihm einen langen Brief, der beinhaltete, dass ich ja -wie er wisse- bi sei und zudem noch -wie er noch nicht wisse- Sadomasochistin, und dass ich mir beruflich sehr gut vorstellen könne, eine “Gesprächsberatung für Betroffene” anzubieten. Gespannt und ängstlich wartete ich auf die Reaktion.

Die Reaktion kam in Form eines Briefes, in welchem stand, im Dorf habe der kleine Laden geschlossen, seit in einem Nachbarort ein Aldi aufgemacht habe.

Totgeschwiegen.

Totgeschwiegen.

Totgeschwiegen.

Ich explodierte. Jahrelang hatte ich mich mit meinem Coming-Out beherrscht, nun hatte ich ihnen die Wahrheit “Sadomasochistin” um die Ohren geklatscht und erhielt keine Reaktion!

Ich fuhr persönlich und ohne Ankündigung zu Oma und Opa, die überraschenderweise nicht daheim waren. Mit dem eigenen Schlüssel kam ich rein, sah meine ganzen Kindheitsfotos an den Wänden hängen, bekam einen entsetzlichen Haß (“Die wollen mich nicht so sehen, wie ich bin! Die wollen mich für immer klein halten!”) und hängte alle Bilderrahmen ab - ich weiß nicht mehr, ob ich sie gar zertrümmerte oder unter Tränen in die Restmülltonne warf oder “nur” in meinen Kofferraum steckte - auf alle Fälle verhinderte ich, daß Oma und Opa sie noch “retten” konnten. Stattdessen hängte ich ein einziges Bild von mir im Lederoutfit auf, mit provokanter Gothic-Frisur. Dann wollte ich mich wieder auf den Heimweg machen, aber just in dem Moment kamen Opa und Oma nach Hause.

Erst die große Freude: “Eva ist da! Wie schön!” und dann die Ernüchterung, die Enttäuschung, als sie sahen, was ich ihnen angetan hatte - wie wütend ich da saß mit meinem für sie “ekelhaften” neuen Haarschnitt, wie ich auf meine Kindheit schimpfte und darauf, daß sie nur das “Bild von mir” geliebt hätten und niemals mich selbst.

Es war eine traurige Begegnung, und zu Lebzeiten meines Opas haben wir uns alle nie davon erholt. Ich fuhr an diesem Tag tiefverletzt und trotzig-wütend nach Hause und ließ meine Großeltern tiefverletzt und verwirrt zurück.

Danach suchte ich wieder und wieder das Gespräch. Und Opa und Oma suchten es zu meiden, es totzuschweigen. Ich konnte diese Haltung nicht ertragen, wollte gesehen werden.

Ich fuhr erneut hin, forderte sie auf, alle Fragen zu stellen. Nur eine einzige Frage kam: “Hast du etwas mit Prostitution zu tun?” Das hatte ich nicht beantworten wollen, aber nun beantwortete ich auch das und versetzte ihren geschlagenen Seelen somit einen weiteren Hieb. Dennoch: Opa war nicht wirklich verwundert! Jetzt erst stellte sich heraus, daß er vor Jahren mal bei mir eine Visitenkarte gefunden hatte, auf der ich nur meinen Vornamen und meine Handynummer abgedruckt hatte - für mich war es eine private Flirt-Visitenkarte gewesen, um sie ggf. mal in der Disco einer angeschwärmten Person zuzustecken, statt erst Zettel und Stift herauskramen zu müssen - er hatte beim Anblick der Karte an die Werbekarte einer Hure gedacht…..

Auch hatte er eines Tages bei mir mal einen Stapel Altpapier mitgenommen gehabt - zu der Zeit, als ich an meiner Diplomarbeit gesessen hatte, war er ungeplant zu Besuch gekommen und hatte gesehen, wie massenhaft einseitig bedruckte Entwürfe bei mir im Papiermüll lagen und er hatte die Ansicht vertreten “Das ist doch noch gutes Papier, da kann man noch auf die Rückseite schreiben” und es mitgenommen - mir war kein guter Grund eingefallen gewesen, ihm das zu verweigern, und so hatte ich wochenlang gebangt, ob vielleicht unter all den Unterlagen doch etwas privates, eben etwas im Hinblick auf Sex und SM, dazwischengerutscht sein könne. Da er mich nie auf etwas angesprochen hatte, hatte ich die Angelegenheit dann Jahre später schon beinah vergessen -

und nun, in diesem Gespräch über Prostitution, brach es dann plötzlich aus Opa hervor: “Ich hab da schon vor Jahren diesen ekelhaften Brief bei dir im Altpapier gefunden!” Bis heute weiß ich nicht genau, um welchen Brief genau es ging, ich habe einen Verdacht, aber keinen Beweis. Auf jeden Fall sagte Opa, ich hätte darin über “perverse Praktiken” geschrieben, es sei “scheußlich und widerlich” gewesen.

Bei dieser Unterhaltung fanden wir keine Harmonie. Und danach wollte Opa nie wieder darüber sprechen. Ich wollte nie wieder über etwas Banaleres sprechen, so lange das nicht geklärt war. Also gab es hin und wieder doch noch ein paar Sätze - zum Beispiel sagte Opa mir, er könne es nicht gutheißen, was ich da tue, auch wenn ich behaupte, es täte mir gut. Wenn eine Kuh auf einer neuen Weide graste und das neue Gras ihr schmecken würde, er aber wisse, daß das Gras vergiftet sei, dann könne er sie da nicht einfach ohne Sorge weiterfressen lassen und ihr diesen Geschmack gönnen, wie ich es hier fordere. Man würde auch ein Kind nicht einfach vor ein Auto laufen lassen können, nur weil es begeistert spiele. Er glaube mir ja sogar, dass ich Begeisterung für “das da” empfinden würde, das sei ja gerade das Problem - Begeisterung sei niemals gut, im Dritten Reich seien auch alle von Hitler aufrichtig begeistert gewesen - Begeisterung sei Verblendung, Begeisterung sei gefährlich.

Irgendwann ließen die Gespräche nach. Ich sehnte mich nach einer Akzeptanz, die seinen tiefsten Glaubensüberzeugungen widersprochen hätte: Nach seinem Verständnis hätte er tatenlos zugesehen, wie ich “geradewegs in die Hölle” wandere. Er mußte mich warnen!

Er mußte mich warnen, ich mußte mich wehren. Er hätte auch noch ins altvertraute “Totschweigen” zurücksinken können, aber das ließ ich nicht mehr zu. Schließlich stellte ich dem Mann, den ich seit frühester Kindheit liebte (= meinem Ersatzvater) ein Ultimatum, was er nicht erfüllen konnte und was ihm -vielleicht tatsächlich- das Herz brach: Ich wollte nicht mehr mit ihm reden, solange er mich akzeptieren könne - oder frühestens wieder an seinem 85. Geburtstag. Das Ultimatum habe ich an seinem 80. Geburtstag gestellt.

Ich wollte 5 Jahre lang auf ihn verzichten, habe Anrufe ungehört auf meine Mailbox auflaufen lassen und unter Tränen gelöscht, habe Briefe direkt in den Müll geworfen. Er fing sogar an, das SMS-Schreiben zu lernen, da habe ich ihn noch ein einziges Mal angerufen und angeschrieen, daß er sich auf diese Art nicht in mein Privatleben einmischen dürfe.

Das Ultimatum erstreckte sich auch auf meine ganze Familie, da alle zu Opa hielten. Auch meiner Mutter und meiner Oma war somit der Kontakt zu mir verwehrt, “so lange niemand stirbt”.

Dann eines Tages der Anruf von meiner Mutter, auch auf die Mailbox, aber von mir abgerufen: Ich solle dringend anrufen, sie müsse mir einen Termin mitteilen. Unwirsch rief ich an, wollte schon fragen “Wer ist gestorben? Sonst darfst du nicht anrufen!”

Gestorben war mein Opa. Der mitgeteilte Termin war der Beerdigungstermin. Er war nur 82 Jahre alt geworden.

Ich saß in der Kirche beim Trauergottesdienst in einer der letzten Reihen, noch immer mit “unmöglicher” Frisur. Die Leute tuschelten, ob ich nicht “es Eva’che” sei. Andere flüsterten zurück, das könne ja nicht sein, dann säße ich doch vorne…..

Eine einzige Minute allein am Sarg, weinend. Unerwartet steht meine Mutter hinter mir, flüstert mir zu: “Du bist schuld an seinem Tod. Den Herzinfarkt hatte er, weil du ihm Kummer gemacht hast.”

Versteinert, isoliert den Gottesdienst und die Beisetzung überstanden, hinterher einsam heimgefahren.

Mein Großvater hatte mir viel bedeutet und ich ihm auch.

Inzwischen bin ich mit meiner Mutter und meiner Oma versöhnt. Meine Mutter ist gar stolz, daß ich einen Weg gehe, mit dem ich glücklich bin. Meine Oma sieht, daß es mir deutlich besser geht als damals und maßt sich nicht an, darüber zu urteilen. “Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein” und “Einer richte nicht über den anderen.”

Ich fühle den Kummer, während ich all das niederschreibe - ich hätte nicht gedacht, daß noch so viele Emotionen hochkochen, so lange ist’s her. Ich bedaure, was ich meinem Opa “angetan” habe und bereue doch nicht - ich hätte es damals nicht anders gekonnt. Heute hätte ich vielleicht die Größe, sein Totschweigen zu tolerieren, mit ihm über Posaunenchöre und Bergurlaube zu reden und weder meine privaten Neigungen noch meine nebenberuflichen Aktivitäten zum Thema zu machen.

Vielleicht hätte ich mich früher outen sollen, dann wäre meine Wut aufgrund der jahrelangen Lüge nicht so groß gewesen oder hätte ich nicht so heftige Distanz zum “Freischwimmen” gebraucht. Oder hätte es wirklich besagte 5 Jahre gedauert, ich diese aber früher begonnen, dann hätten wir es vielleicht beide überlebt und danach wieder zueinander finden können. Wir haben einander unendlich weh getan. Wir haben einander unendlich gern gehabt. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, daß er im Himmel gesundes Gras fressen kann und dabei Glückseligkeit findet - er hat sie verdient: auch er hätte es damals nicht anders gekonnt!


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