Persönliche TexteBlog

Liebe & Sex/Play im Alltag

Gedankenfetzen, verfasst für die Schlagzeilen - ich habe gezögert, dies unter meinem Domina-Namen zu publizieren, mich jetzt aber bewusst dafür entschieden, auch vor potentieller Kundschaft zu meinen ganz persönlichen Schwächen zu stehen …

Wieviel Alltag braucht die Liebe? Wieviel Alltag verträgt das Spiel?

Zehn Jahre lang war ich in einer praktisch offenen und theoretisch polyamoren Zweier-Beziehung. Das heißt, dass ich und meine Partnerin de facto beide Sex- und Spiel-Affären hatten, aber keine weiteren Liebesbeziehungen. Wir waren jedoch immer grundsätzlich offen dafür gewesen, dass sich dies ergeben könnte. Sollte sich eine von uns anderweitig verlieben, dann würden wir die Situation entsprechend meistern und, obwohl wir emotionale Herausforderungen durchaus erwarteten, einander keine Ultimaten stellen, sich für eine Hauptbeziehung zu entscheiden.

Seit einem dreiviertel Jahr führt meine Partnerin nun eine Parallelbeziehung, seit einem halben Jahr -unabhängig davon- auch ich (nach meinem Verständnis von Beziehung = Liebesbeziehung) eine solche. Meine neue Beziehung beinhaltet gleich zwei weitere neue Menschen, ich bin das “Einhorn” eines Paares. Zumindest, wenn man “Einhorn” locker definiert als später zu einer zuvor bereits bestehenden und insbesondere bereits eingespielten Beziehung (beliebiger Personenzahl und beliebiger sexueller Orientierung) hinzukommende “Neue” (beliebigen Geschlechts, und ohne Verpflichtung zu Exklusivität/”Duo”gamie gegenüber dieser Konstellation).

Eigentlich definiert die Polyamorie-Community wohl Einhorn immer als weibliche bisexuelle Geliebte eines heterosexuellen Paares, welches für das Einhorn immer nur “zusammen” zugänglich ist und was von diesem sexuelle Treue verlangt. So ist das bei uns nicht: ich darf daten, wen ich will, und vögele und spiele mit “meinem Pärchen” sowohl je nach gemeinsam verfügbaren Zeitfenstern gelegenheitsweise zu zweit oder dritt (also mit ihnen einzeln oder beiden). Angefangen hatte es als Spielbeziehung, aber inzwischen ist es eine Liebesbeziehung, wo wir einander zu dritt lieben - nicht als “V” oder als “T”, sondern als echtes Dreieck: jede/r jede/n.

Aber: Die beiden wohnen zusammen, ich habe meine eigene Adresse. Die beiden haben gemeinsame Alltags-Gewohnheiten, meine passen nicht hinein. Vor vielen ihrer Freund/innen und Arbeitskolleg/innen outen wir uns nicht als “liebendes Trio” - mein Pärchen verkehrt viel in bürgerlich-konservativen Kreisen und ist bzgl. Fetisch/BDSM-Neigungen nirgends geoutet, ich entspringe hingegen der lesbisch-queeren Subkultur und jede/r im Freundes-, Familien- und Kolleg/inn/enkreis weiß um meine “Perversionen”.

Ich nenne mich deshalb auch “Einhorn” meines Paares, weil die sich aus diesen Diskrepanzen in der Lebensführung jeweils ergebenden Probleme wohl typisch für “Einhörner” auch in der engeren Definition der Polyamorie-Community sind.

Solange wir “nur” miteinander gespielt haben, wirkte sich das gar nicht aus. Wir verabredeten uns zu “Playdates” bei mir oder bei ihnen, und wenn gerade kein Playdate verabredet war, vermisste ich die beiden auch nicht explizit. Und hatte ich trotzdem Lust und die beiden weder einzeln noch zusammen Lust und/oder Zeit, dann gab es meinerseits entweder noch Alternativen, mit denen ich mich gleichermaßen gut/schlecht verabreden konnte, oder eben nicht - man hat keine Ansprüche auf Affären.

Auf Geliebte hat man auch keine Ansprüche. Aber vielleicht andere Erwartungen. Und das ist vielleicht ein Fehler.

Werde ich jetzt, niemals eifersüchtig auf die Affären der Partnerin, etwa eifersüchtig, wenn “mein Pärchen” es ohne mich treibt? Warum freue ich mich nicht, wenn sie mir von einem gemeinsamen geilen Fick oder Play berichten, obwohl ich ihnen zu den Dates mit eigenen Affären ebenfalls gern Auskunft gebe?

Aber das finde ich nicht sooo schlimm. Ich wußte, daß Polyamorie Probleme mit Eifersucht geben könne. Nun gibt es sie gelegentlich, aber das ist überschaubar und in den Griff zu kriegen.

Schwieriger ist und bleibt meine Angst, dass unsere Spielbeziehung an der Liebe scheitert. Nun habe ich den Schlüssel zu ihrer Wohnung und bin jederzeit willkommen - aber manchmal sind die zwei müde von der Arbeit, haben Hunger, müssen nochmal an den Computer oder es ist Wäsche zu erledigen. Und dann bin ich frustriert, weil ich dann “rumsitze” (egal ob ich tatsächlich daneben sitze oder mitwirke) und mein eigener Alltagsscheiß daheim bleibt liegen.

Ein einziges Mal war bisher ich diejenige, die selbst zu müde und kopfschmerzig zum Spielen/Ficken war. Ansonsten bin ich immer die, die motiviert - oder auch als zu gierig gilt. Und dann kommen blöde Moral-Gefühle auf. Die es nicht gibt, wenn man sich entweder ganz klar zum Play verabredet, oder eben nicht. “Du willst ja immer nur Sex.” und “Dir liegt ja gar nicht wirklich etwas an uns.” Und dann fang ich mich an zu fragen, inwieweit das stimmt - denn ich will tatsächlich Sex mit diesen wundervollen Menschen, und ja, am liebsten immer. Eine Beziehung, in der der Alltag nach und nach die Lust verdrängt hat, habe ich bereits - ich schätze meine Partnerin, aber wir kamen immer seltener im Spielzimmer zusammen. Ich will das auf keinen Fall hier auch!

Also zurück zur Spielbeziehung? (Würde das heißen: Weg von der Liebe?)

Ich erinnere mich an einen Tag, als ich aufgegeilt vorfreudig und glückselig erwartend aus dem Urlaub kam, ins Schlafzimmer des Paares stürmte - und die beiden müde waren, mir Hallo sagten und kuscheln wollten. Und dabei ruhig liegen bleiben.

Eine so verdammt herbe Enttäuschung! “Habt ihr mich denn gar nicht vermißt?” - “Hast du denn nur Sex vermißt?”

“Lass uns warten, bis wir alle Lust haben.” Ich halte dagegen, dass wir nie alle Lust haben, sondern höchstens alle gemeinsam Lust bekommen können. Dass wir auch früher bei den reinen Playdates nie alle am Anfang Lust mitbrachten, sondern lediglich Neugier. Und dass die beiden damals gedacht haben, ein Spiel hätte sich “zufällig ergeben”, während ich es als so selbstverständlich ansah, dass wir das alle wollen, dass ich unbewusst die Fäden genommen und die beiden in meinen erotisch-sexuellen-sadomasochistisch-verspielten Bann gezogen habe. Ich hatte auch keine Lust, aber immer Bereitschaft, Lust zu kriegen. Und dann kam die Lust zu dritt, weil ich naiv und ohne Angst vor Zurückweisung den Anfang gemacht habe.

Nun hab ich die Zurückweisungen gekostet. Und frage vorsichtig an, wenn wir uns treffen: “Wozu?” Wollen sie wirklich nur Pizza essen, soll ich allen Ernstes gar vor dem Fernseher versacken, obwohl daheim noch wichtigere Dinge anstehen würden, weil das “so gemütlich” ist? Bin ich nicht gerade froh, solch heimischer Beziehungs-Gemütlichkeit entkommen zu sein. Nein, ich will die gerade nicht wieder! Bedeutet dies, dass ich keine Beziehung will?

Ich definiere “Beziehung” als “Liebesbeziehung” - also über die Gefühle. Auch die Gefühle bei gemeinsamen sexuellen Aktivitäten. In meinen Sex- und Spiel-Affären gibt es ähnliche Aktivitäten, aber mit anderen Gefühlen - und ich sehe darin eine ganz dramatische inhaltliche und qualitative Unterscheidung. Für mich ist klar, dass ich die beiden liebe.

Das Pärchen definiert “Beziehung” als “Alltagsbeziehung” - also über gemeinsame nichtsexuelle Aktivitäten. Mein mangelndes Interesse daran, was die beiden üblicherweise tun, wird dann als Beweis für mangelnde Liebe gesehen. Ist meine Liebe weniger wert als ihre, weil ich immer “spielen” will? So sieht es (leider) eine Hälfte des Paares. Und das führt zu Kränkungen: auch dort fühlt man sich dann von mir zurückgewiesen. Sie wollten einen ruhigen Abend mit mir, ich wollte erotische Action. Wer ist böse, wer liebt nicht genug? Oder sollte man gar nicht versuchen, eine Beziehung zu führen - gar nicht versuchen, zu lieben? Müssen wir uns “entlieben”, damit es funktioniert?

Die konkreten Definitionen von “Liebe” oder “Beziehung” wären nicht wichtig, wenn wir uns alle darüber einig wären, was wir wann zusammen wollen und was nicht. Aber leider ist immer der/die ein oder andere enttäuscht, und deshalb müssen wir uns wieder klarer abstimmen.

Und das bedeutet teilweise, wieder ganz klare Playdates zu verabreden, und dabei alle sonstigen Unstimmigkeiten ganz bewußt außen vorzulassen - sonst quatschen wir uns tot, und niemand wird mehr geil.

Und auch mein Pärchen mag es noch, mit mir geil zu werden. Hinterher geben sie das immer gerne zu. Nur vorher wissen sie es scheinbar oft nicht, dass die Lust nicht einfach da ist, sondern durch Voreinstimmung und -spiel erst aufgebaut wird. Ich habe solche Angst davor, dass es keine Lust mehr geben wird ohne klare Verabredungen zum Play.

Bei den ganz klaren Playdates sind die Begegnungen schön und reibungslos. Bei den anderen Terminen hingegen schwingen -inzwischen zu- häufig Meinungsdifferenzen über unsere Prioritäten der allgemeinen “Beziehungs”gestaltung mit. Häufig fließen -meine- Tränen: Einhorn-Tränen? Oder Tränen einer wartenden Geliebten? Oder einfach nur des verheultesten Elements in einer Konstellation welcher Art auch immer?

Unsere “Liebe” hat sich verrannt. Unser “Play” funktioniert, wenn wir gerade nicht “Beziehung” versuchen, sondern “Playdate”. Unser “Play” kommt nicht von alleine auf, weil wir zufällig alle “Lust” haben - auch wenn es die beiden manchmal denken.

Ist die “Liebe” deshalb gescheitert? Ist die Idee von “Beziehung” gescheitert? Muss ich beziehungsfähiger werden oder mir meine Liebesgefühle versagen? Mehr reden - oder weniger?

“Liebe” hat die Spielbeziehung kompliziert gemacht. Aber auch die Spiele tiefer. Deswegen will ich aus der “Liebe” nicht heraus. Egal, ob ich unser “Konstrukt” Beziehung nennen darf oder nicht. (Ich würde es “Spielbeziehung mit Liebe” oder “Liebesbeziehung mit wenig überlappendem Alltagsinteresse” nennen - darf ich das? Oder bin ich dann oberflächlich?)

Ich habe keine Antworten, nur Fragen. Und einen Haufen Schmerz, typisch verdammt-verliebt-weiblichen Herzschmerz, den ich absolut nicht brauchen kann. Und einen Haufen “Wundervolligkeit”, weil ich mich in den Sessions dank der Liebe so verdammt tief fallen lasse und ganz neue Formen von BDSM kennenlerne. Worauf ich absolut nie wieder verzichten will, weswegen ich die Herzensnot “zwischen den Playdates” ertrage.


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