BlogReflexionen

Gedanken zu Katharsis und BDSM

Kürzlich wurde ich in einer Einzeiler-Mailanfrage gefragt: "Bieten Sie auch intensive Katharsis-Spiele an?" Das war nun gleich doppelt überraschend für mich - üblicherweise sind Einzeiler-Mails eher platter Natur … so platt, dass ich darin das Wort "Katharsis" nicht erwarten würde. Zum anderen aber auch, weil dieser Schreiber offenbar -wie sich dann auch im weiteren Mailkontakt bestätigte- davon ausging, dass es ein Patentrezept für "Katharsis durch BDSM" gäbe - insbesondere fragte er mich in seiner zweiten Mail, welcher Weg zur Katharsis meiner Erfahrung nach der erfolgreichste sei, ob diese im Schmerz oder in der Demütigung oder in der Hilflosigkeit läge…

Mir ist bekannt, dass einige BDSM-Erlebnisse kathartisch sein können - ich hatte selbst schon derartige Erlebnisse in BDSM-Sessions.

Psychologische Katharsis

Katharsis - das ist laut Wikipedia eine "psychische Reinigung durch Ausleben verdrängter Emotionen und innerer Konflikte" - und natürlich geht das mit Rollen-Settings, die wir uns vielleicht gerade aufgrund unserer Traumata (unbewußt oder bewußt) ausgesucht haben. Katharsis passiert - kann passieren - darf passieren … aber ich glaube nicht, dass sie erzwungen werden kann. Oder sollte.

Wenn der/die Bottom in einer Session eine Katharsis erlebt, wird der/die Top ihn/sie üblicherweise hinterher "auffangen" - und idealerweise währenddessen begleiten, führen, leiten.

Wenn der/die Top in einer Session von ihren verdrängten Emotionen mitgerissen wird (und es sich aus ihrer Verantwortung dem/der Bottom gegenüber erlauben kann, sich mitreißen zu lassen), wird in einer liebevollen Beziehung auch "von unten" unterstützt.

Kann es denn einfache Katharsis im o.g. Sinne geben? Ganz sicher zumindest gibt es kein allgemeingültiges, personenübergreifendes Patentrezept für solche Katharsis! Ich glaube, derartige Katharsis-Sessions sind immer zugleich auch sehr heftiges Tunnelplay.

Ich habe daher nach gründlichem Nachdenken meinem Interessenten geantwortet:

"... ich glaube, dass du die Frage falsch herum stellst. Man kann nicht fragen, welcher Weg aus Sicht einer Domina am erfolgreichsten zur Katharsis "eines Sub" führt, sondern nur, welcher Weg für einen ganz speziellen(!) Sub am besten funktioniert (wenn er dabei von einer guten Domina begleitet wird). Die Domina ist also auch nicht austauschbarer Parameter, aber die Wahl des Weges hängt dennoch so viel mehr von der Psyche des Subbies ab als von irgendwelchen anderen Faktoren, dass man nur von personenspezifisch erfolgreichen Wegen reden und folglich auch immer personenbezogen den Weg wählen muss.

Es ist so, als würdest du mich fragen, welche Kleidung für Urlaub am geeignetsten ist - es hängt einfach so sehr vom Urlaub ab, dass man jede Pauschalantwort zurückweisen muss…

Und wenn ich schreibe, dass ich durchaus schon intensive Katharsis beim BDSM erlebt habe, dann soll das dennoch implizieren, dass es eher die Ausnahme als der Regelfall ist. Nicht jeder sucht Katharsis, nicht jedes Mal, wenn sie gesucht wird, gelingt sie - und wenn sie zu krampfhaft gesucht wird, gelingt sie eher nicht.

Wo ich das so zusammenschreibe, fällt mir aber doch auf, dass es bislang wohl immer eines über einen längeren Zeitraum gewachsenen tiefen Vertrauens (egal ob in bezahlten Sessions mit regelmäßig wiederkehrenden Stammgästen oder in privaten Affären/Liebschaften) bedurfte. Und während die Beziehung sich stabilisierte, lernte man einander eben auch kennen und so erschloss sich dann der Weg eher durch Zufall oder wie von selbst, eine intensive Sache (vollkommen egal, welche! ob nun intensive Hilflosigkeit oder intensiver Schmerz oder intensive Erniedrigung oder intensiver Ekel) wurde einfach noch intensiver als jemals zuvor - wurde auch von beiden so gespürt und gipfelte letztlich so in kathartischen Emotionen, wie ein permanenter intensiver sich steigernder sexueller Reiz in einem Orgasmus gipfeln kann - wie eine seelische Entladung.

Ich würde gern zunächst ein Plauderdate mit dir veranschlagen… in diesem Plauderdate würde ich gerne viel über dich erfahren - nicht nur über deine sexuellen Belange, sondern auch über dein Leben, deine "Knäckse", deine Sorgen, deine Ziele etc. - also eher das, was man üblicherweise der Therapeutin und nicht der Domina anvertrauen würde. Natürlich brauche ich zusätzlich auch Infos zu deinen SM-Vorerfahrungen, Vorlieben und Tabus. Und dann würde ich gern eine gewisse Regelmäßigkeit der Treffen haben, in denen ich dich nicht nur körperlich, sondern tiefer und tiefer emotional zu berühren versuche. Kannst du dir das vorstellen?"

Und seine Antwort war: "Nein, das kann ich irgendwie nicht. Ich habe mir die Sache deutlich einfacher vorgestellt. So ist es mir zu kompliziert."

Spirituelle Katharsis

Es gibt aber noch eine andere Definition von Katharsis - auf diese bin ich dann erst etwas später auf englisch-sprachigen Seiten gestoßen: "a purification or purgation of the emotions that brings about spiritual renewal" - also eine Reinigung der Emotionen, die spirituelle Erneuerung mit sich bringt.

Vielleicht hatte der Interessent eher danach gefragt, und dies wäre vielleicht tatsächlich bei beliebiger Form von Pain Play und/oder Bondage möglich. (Mir erschließt sich momentan nicht, wie es durch Demütigung erreichbar wäre, ohne dass es dann automatisch eine psychologische Katharsis würde.)

Im Artikel "Carthartic Flogging", den ich euch herzlich anempfehlen möchte, heißt es: "Cartharsis provides release from tension, an increased feeling of aliveness and can even serve as a catalyst for what Buddhists call enlightenment" - also Katharsis als Befreiung von Spannung, erhöhtes Gefühl von Lebendigkeit oder sogar dessen, was Buddhisten Erleuchtung nennen.

Ich kenne ähnliches auch von "Tantric Bondage": Spirituelle SM-Erfahrungen habe ich vor allem auf einigen Berliner "SM meets Tantra"-Veranstaltungen gehabt, aber bislang noch nie im Rahmen einer Sessionbuchung im Studiokontext zelebriert. Ich bin aber durchaus bereit, mich einzufühlen und mental vorzubereiten, um auch meine zahlenden Kunden entsprechend unterstützen zu können.

Wie o.g. Artikel es empfiehlt, bin auch ich der Meinung, dass dazu alle Beteiligten eine entsprechende Offenheit und bewußte Bereitschaft für ein körperlich-geistig-spirituelles Erlebnis mitbringen müssen. Alle Beteiligten müssen sich darauf einlassen, in voller Präsenz zu sein und darüber hinaus keine Ergebniserwartungen -an sich selbst und ihre Gegenüber- zu stellen. Die spirituelle Katharsis, die Reinigung des Gedankenkarussells und der bewußten und unbewußten Empfindungen, passiert dann durch das ausschließliche Erfahren des "Hier und Jetzt" (z.B. als Bottom des Schmerzes unter den wiederkehrenden Schlägen, als Top des Fokussierens auf den gleichmäßigen Schlagrhythmus) ohne Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit. Volle Präsenz - nicht mehr und nicht weniger. Denselben Ansatz verfolgen übrigens auch -teils mit Schmerz und/oder monotonen Wiederholungen- andere Gruppierungen ebenfalls, um spirituelle Tiefen zu erlangen!

Beim spirituell-kathartischen BDSM soll der/die Top nicht bewußt bemüht sein, den/die Bottom absichtlich in die Katharsis zu bringen, weil das den eigenen Focus von seiner/ihrer Präsenz wegleiten würde. Damit das Erlebnis spirituell fruchtbar wird, muß genug Zeit für die stillschweigende Aftercare (Nachsorge) eingeplant werden. Obwohl das Wort "Plauderdate" nicht gerade nach Stillschweigen klingt, biete ich daher an, eine entsprechende Nachsorge-Zeit im Plaudertarif abzurechnen.


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