BlogReflexionen

Was tun bei Leidensdruck?

Einige Sadomasochist/inn/en und Fetischist/inn/en haben ihre Vorlieben irgendwann durch Zufall im Erwachsenen-Alter entdeckt, durch Ausprobieren aus unbeschwerter Neugierde und Experimentierfreudigkeit heraus, z.B. angeregt durch Bücher/Filme oder durch die Club-Szene, oder sie haben einem Sexualpartner einen konkreten Wunsch erfüllt und dabei ihre persönliche Lust gefunden.

Andere Sadomasochist/inn/en und Fetischist/inn/en haben allerdings auch konkrete Kindheitserinnerungen, aus der sich die Entstehung der konkreten Vorliebe direkt nachvollziehen läßt. Einige dieser Kindheitserinnerungen wirken (und sind vermutlich auch!) harmlos, andere sind eindeutige Mißbrauchs-Erinnerungen. Leicht kommt dann die Frage auf, ob die Neigung "krankhaft oder gesund" sei.

Es gibt dabei einige eigentlich schlimme Erlebnisse, die durch Fetischisierung im Nachhinein positiv besetzt wurden. Wenn der Fetisch nun ausschließlich Lust bereitet (und natürlich Dritten nicht schadet), kann das Ausleben in Sessions ungetrübt genossen werden. Die vermutlich größte Schwierigkeit besteht dann ggf. im Finden geeigneter Session-Partner/inn/en, insbesondere bei ungewöhnlichen Wünschen, die nicht zu den "typischen" BDSM-Fantasien zählen. Denn die auf reales Erleben zurückgehenden Neigungen sind naturgemäß meist konkreter an ein spezielles Drehbuch gekoppelt als die zufällig aus Spieltrieb entdeckten Möglichkeiten von kreativer Sexualität. Findet sich im privaten Umfeld keine geeignete Person, bietet sich natürlich das Buchen einer professionellen Session an.

In den meisten Fällen ist es für mich unwesentlich, ob eine lustvoll besetzte Fantasie bzw. von Ihnen gewünschte Session-Praktik weitverbreitet oder ungewöhnlich ist, und ob sie eine biografische Ursache hat oder nicht. Wenn Sie einen konkreten Wunsch an mich herantragen, werde ich mir in jedem Fall gut überlegen, ob ich diesen umsetzen kann und Ihnen meine aufrichtige Einschätzung dazu mitteilen. Falls es Ihnen mit der Fantasie oder mit der geplanten Umsetzung allerdings erfahrungsgemäß oder möglicherweise (ganz oder teilweise) schlecht geht, sollten wir genauer hinschauen.

Nach heutigen medizinischen Standards (ICD-10 und DSM-IV) werden Fetischismus und Sadomasochismus (nur noch dann) als behandlungsbedürftig eingestuft, wenn ihr Ausleben Sie oder andere gefährdet oder Ihnen das Ausleben bzw. das Unterdrücken einen Leidensdruck verschafft.

Gegen einen Leidensdruck durch unterdrückte Neigungen verschafft ja ggf. die Sessionbuchung per se bereits Abhilfe- zumindest bin ich gerne Unterstützerin bzgl. jeder (legal) auslebbaren Fantasie. Nur in sehr wenigen Fällen scheitert es daran, dass ein Ausleben auch im Sinne von risk-aware consensual kink nach meinem Verständnis zu gefährlich wäre (z.B. heftige Würgespiele, die lebensbedrohlich werden könnten) oder technisch völlig unmöglich ist (z.B. eine Neugeburt - in solchen Fällen kann ich nur ein kreatives Rollenspiel gestalten und/oder Sie in eine hypnotische Trance versetzen).

Wissen Sie aber bereits selbst und/oder läßt sich vermuten, dass Ihr Empfinden auch während der Session anstatt von lustvoller Erregung (oder spannender Herausforderung) primär von Zwang und/oder Trauer und/oder Angst und/oder gar Flashbacks in eine unglückliche Vergangenheit geprägt sein wird und/oder aber solche Gefühle der Session unmittelbar voraus- oder nachgehen werden, reinszenieren Sie vermutlich eine traumatische Erinnerung, wobei das Trauma (noch) nicht (vollständig) verarbeitet ist.Vielleicht werden Sie bei Ihrer Anfrage nach einer Session auch gar nicht von erotischer Sehnsucht getrieben, sondern vom Zwang, einen inneren Druck zu lindern. Es liegt dann offensichtlich keine unbeschwert lustvolle Fetisch-Sexualität oder BDSM-Neigung vor, sondern liegt dem Fetischismus oder BDSM-Interesse ein tief verinnerlichter Schmerz zugrunde: sexuelle Lust und Retraumatisierung und/oder zumindest negative Selbstbestärkung können sich dann vermischen und einander überlagern. Kommt übrigens gar keine sexuelle Lust auf, sondern repetieren Sie nur traumatische Erinnerungen (gezielt oder zwanghaft), handelt es sich per definitionem nicht einmal um sexuellen Fetischismus bzw. Sadomasochismus. Dennoch kam es inzwischen mehrmals vor, dass auch Menschen ohne Lust-Focussierung mich um ein Heilungs-Rollenspiel oder eine Ritual-Session gebeten haben, also eine Session, die typischerweise in SM-Studios angebotene Praktiken für eine bewußte(!) Auseinandersetzung mit einem eigenen inneren Thema heranzieht und/oder wo tatsächlich nur meine Rollenspiel-Kompetenz völlig ohne sexuell-erotische Handlungen (z.B. nur ein Adultbaby liebevoll umsorgen, aber nicht genital berühren) gefragt ist.

Anfänglich hatte ich alle nicht rein lustmotivierten Anfragen abgelehnt, weil ich sie nicht für "echten" BDSM/Fetisch hielt und mich zudem auch davon überfordert fühlte - und natürlich bin ich auch keine ausgebildete Therapeutin und möchte auch nicht den Anschein erwecken, Therapieleistungen bieten zu können. Dennoch habe ich inzwischen die Erfahrung machen können, dass manch eine/r wirklich froh war, sich mir anvertrauen und kontrolliert (positive oder bewußt wahrgenommene negative, aber sichere, und teils sogar kathartische) Erfahrungen machen und diesen Prozeß mit mir reflektieren zu dürfen. Bei allen Anfragen mit Leidensdruck, egal ob lustvoll aufgewertet oder lustlos, propagiere ich einen besonders bewußten Umgang mit dem individuell hochsensiblen Thema und beratschlage vorzugsweise zunächst in einem Plauderdate, inwieweit ich Ihnen mit einem Schutzraum für Ihr Wunsch-Ritual und/oder mit Coaching und/oder Techniken aus dem Sexological Bodywork am besten zur Seite stehen kann bzw. wo meine Möglichkeiten ihre Grenzen finden.


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