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Eine Fernbeziehung ohne Ferne

Es gibt da mich und mein Pärchen. Seit über einem Jahr führen wir eine Beziehung. Oder nicht?

Wir wohnen ca. 15min (Autostrecke) voneinander entfernt in verschiedenen Dörfern. Das Pärchen teilt sich eine Wohnung, es gibt ein gemeinsames Arbeitszimmer, ein gemeinsames Bett.

Das Bett ist breit genug für uns drei. Ins Arbeitszimmer hätte ich einen dritten Tisch stellen dürfen.

Im Garten dürfte ich eigene Pflanzen anbauen.

Ich schlafe nur sehr selten dort, und oft begebe ich mich nach dem ersten Wachwerden - für mich meist mit Toilettengang einhergehend- nach dem Pinkeln ins Wohnzimmer aufs Sofa, um nicht zu viel Unruhe im Schlafzimmer zu machen. - Den Tisch im Arbeitszimmer wollte ich nicht, weil ich zur konzentrierten Arbeit gerne wirklich ungestört bin. - Und für Gartenarbeit habe ich nichts übrig.

Als die beiden über einen Hauskauf statt Wohnungsmiete nachdachten, war es für SIE selbstverständlich, dass ich mitentscheide. Für IHN und für mich nicht - aus unterschiedlichen Gründen.

Wieviel Alltag und wieviel “quality time” wir miteinander haben, was “quality time” überhaupt ist, das war von Anfang an ein ewiges Gezerre. “Aber das macht man doch so in einer Beziehung” war die Aussage meines Pärchens. “Ich hab das noch nie so in einer Beziehung gemacht” war meine Antwort.

Und das habe ich auch nicht, wenn ich mit Partner/innen zusammenwohnte. Ich hatte immer ein eigenes Schlafzimmer, ein eigenes Arbeitszimmer (bzw. in WG’s : ein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer) und “besuchte” meine Liebsten in ihren Bereichen oder lud sie zu mir ein. Das ist, das war, das bleibt für mich “Beziehung”.

Wenn die beiden mir sagten, dass “man das doch so macht”, dann fragte ich sie, ob sie jemals eine Fernbeziehung gehabt und wie sie es da gemacht hätten. Und erklärte ihnen, dass ich mich lieber am Modell “Fernbeziehung” orientieren möchte, obwohl sie eben nur wenige Kilometer von mir weg wohnen. Dass ich mich für die Wochenenden verabreden will und dann viel Sex / SM / Fetisch haben. Nicht gemeinsam vor dem Fernseher lümmeln mag, weil ich dann volles “Carpe noctem” und “Carpe diem” suche. Wie in einer Fernbeziehung nach meinem Verständnis eben auch.

Es stellte sich heraus, dass sie auch eine Fernbeziehung anders als ich gestalten würden. Dass es nach ihrem Verständnis auch da das gemeinsame Ausklingen vom Alltag Arm in Arm beim Tatort gäbe. Ehrlich? Nachdem man stundenlang im Auto gesessen hat bei einer echt langen Fahrt, das käme mir nie in den Sinn, dann solche “Belanglosigkeiten” anzustreben.

Und gerade im BDSM: ich möchte in jedes Wochenende, in jede Begegnung mit tollen Play-Ideen gehen, ich könnte in der Zwischenzeit während den Treffen die Vorabstimmungen treffen und so die Vorfreude schüren. Ist es dann nur eine Affäre, keine Beziehung? Meiner Meinung nach nicht, wenn es neben der LUST eben auch die LIEBE gibt. Neben der Geilheit auch romantische Gefühle. Und die gibt es ganz, ganz klar. Im konkreten Fall werde ich sogar aus Romantik heraus devot, obwohl ich sonst nur sehr zielgerichtete Masochistin bin. Aber in meine Hingabe aus Liebe heraus fließt Devotion, die mich zu Praktiken bereit macht, die “not my kink” sind. Aber ja, ich will Sex, SM, Fetisch - bei jeder Begegnung, und ich will das Knistern aufrechterhalten. Der ständige gemeinsame Alltag, daraus auch logischerweise resultierende gemeinsame Alltagssorgen, die killen nach meinem Verständnis, nach meiner Erfahrung (auch der aus besagten WG’s) die Lust und die Liebe. Deswegen wollte ich den Vorzug der wenigen Kilometer, die uns trennen, gern wie eine Strecke von vielen Kilometern “nutzen” - mit dem Zusatz-Vorzug, dass die Fahrt eben dann doch nur eine Viertelstunde dauert, dass somit ein Wochenende die ewige Fahrerei erspart und es umso mehr “quality time” geben kann.

Ja, kuschelig im Arm liegen, das schon - aber nicht vor dem Fernseher und nicht als Hauptzweck des Abends, sondern in den Pausen zwischen den Plays. Das wäre meine Vorstellung von Romantik, und wenn es dabei dieses warme Gefühl gibt, und vertrauliche Gespräche, und Geborgenheit und all das Schöne und trotzdem gleichzeitig die Vorfreude auf weitere erotisch-sadomasochistische Exzesse, das wäre Liebesglück (und eben mehr als “nur” eine Spiel-Affäre). Aber mein Pärchen stimmt nicht zu. Und nachdem wir unsere Definitionen von Beziehung, unsere Beziehungsziele jeweils auf den Tisch gelegt haben, ist klar, dass das, was wir miteinander haben, unsere wiederholten Treffen mit Gefühl, weder deren noch meinem Beziehungsideal entsprechen.

Auf einem Poly-Stammtisch hörte ich das Wort “solopoly”. Ich hörte es mehrmals. Aber ich dachte immer, es wäre jemand, der “theoretisch poly, aber praktisch solo” ist. So, wie ich lange Zeit “theoretisch poly, aber praktisch mono” war. In nur einer festen Beziehung (nach meiner Beziehungsdefinition), aber offen für weitere. So dachte ich, ein “Solopoly” sei offen für mehrere Beziehungen, hätte de facto aber gerade keine einzige.

Dann schlug ich es nach. Da steht im Internet, dass Solopolys grundsätzlich die Steps, die “üblicherweise” mit Primärbeziehungen einhergingen wie gemeinsame Haushaltskasse, Lebensführung im Alltag, gemeinsame Urlaubsplanung etc. zugunsten ihrer Freiheit vermeiden oder zumindest nicht selbständig anvisieren würden, ggf. könnten sich solche Dinge ergeben. - Ich war überrascht. - Demnach wäre meine bis dato als “Primärbeziehung” geführte Beziehung keine Primärbeziehung. Sondern würde ich im entsprechenden Szene-Jargon zu den Solypolys gehören, die “mehrere Sekundärbeziehungen, aber keine Primärbeziehungen” haben….

… der Jargon gefällt mir nicht. Ich finde nicht, dass meine Primärbeziehung “nur” sekundär ist.

ABER es erklärt, wieso ich die “Beziehung” mit meinem Pärchen als solche empfinde und die beiden nicht. Es ist offenbar keine “übliche Primärbeziehung”, was ich suche. Das, was ich “Beziehung” oder erläuternd bei Bedarf auch “Beziehung, wie eine Fernbeziehung geführt” nannte, heißt offenbar in bestimmten Kreisen “Sekundärbeziehung”. Und in anderen Kreisen “Liebesaffäre” (in Abgrenzung zur reinen Spiel-Affäre).

Hm, drückt “Sekundär-” aus, dass man sich “weniger nah” ist? Wenn man das Wort so verwendet, dass man auch “Sekundäres” ohne “Primäres” haben kann, kann es ja eigentlich nur so zu interpretieren sein. Dann würde “Fernbeziehung” auch wieder irgendwie passen. Sogar unabhängig von der räumlichen Distanz, der räumlichen Ferne. Dann würde “Beziehung, wie eine Fernbeziehung geführt” auch heißen, dass ich nicht “ganz nah zusammenpappen” will. Das man sich in irgendeiner Weise weniger nah ist. Vielleicht, um sich in anderer Weise näher sein / bleiben zu können?


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