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Die Entdeckung meiner Weiblichkeit

Vor 6 Monaten schrieb ich an einen Fremden, den ich über ein BDSM-Forum kennengelernt hatte, folgendes Bekenntnis:

ich habe mich mit der bullwhip schlagen lassen. ich habe mir nägel durch die schamlippen treiben lassen. ich habe mir angelhaken durch‘s gewebe stechen lassen, um daran aufgehängt zu werden. das krasseste, was ich je erlebt habe, ist, dass jemand hinter mir stand und meinen hals küsste…..

Geboren wurde ich im Sommer 1976. Seit März 2017 entdecke ich meine Weiblichkeit.

Ungefähr da fand die o.g. Begebenheit statt: Jemand stand hinter mir, hatte mir gerade einen Nylonkittel angezogen, hielt mich im Arm. Ich lehnte mit dem Rücken zu ihm. Er hatte um mich herumgegriffen, um die Knöpfe auf der Kittel-Vorderseite zu schließen. Zärtlich.

Es war mir schwergefallen, stillzuhalten. Passivität in seinen Armen. Keine Befehle.

Er fing an, mir den Hals zu küssen. Ich erschauderte. Der erste Impuls: Mich umdrehen, ihn packen, ihn auf’s Bett schmeißen, ihn dominieren.

Ich zwang mich, stehenzubleiben.

Er küßte. Ich fürchtete mich. Meine Beine zitterten. Meine Möse machte mir seltsame Gefühle, die ich nicht kannte. Oh, ich kenne Geilheit, ich kenne wilde Orgasmen, ich kenne Lustschmerz und ich kenne meine eigenen Jubelrufe, wenn ein Höhepunkt - egal ob ein sexueller oder ein masochistischer- abflaut und der Hormonschub nachläßt.

Das, was da passierte, kannte ich nicht. Ich rechnete damit, nun erstmals in meinem Leben klassisch verführt zu werden: Er würde gleich sicherlich sanft an mir herunterküssen, um mich darauf vorzubereiten, sanft mit ihm zu schlafen. Scheiße. Ich hatte Angst.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir vereinbart, dass er mich “zum zweiten Mal entjungfern” würde. Mein letzter heterosexueller Sex war viele Jahre hergewesen, und bedauerlicherweise gehöre ich zu den Menschen, die sich in Mißbrauchs-Büchern wiederfinden, auch ohne konkrete Mißbrauchs-Erinnerungen. Ich habe die typischen Muster. Meine Mutter weiß nicht, ob ich als Kind mißbraucht wurde, aber es gibt gute Gründe, dies nicht auszuschließen. Es gab lange Phasen in meiner Kindheit, wo ich “hin- und hergeschubst” wurde zwischen verschiedenen Erziehungsverantwortlichen. Leicht könnte da einer….

… als 17-jährige hab ich begonnen, heterosexuellen Sex bewußt zu praktizieren, aber schon damals war ich nicht romantisch. Ich dachte mich in den Kerl hinein und spielte ihm die Schlampe, die ich gerne hätte, wenn ich der Kerl wäre.

Ich hörte damit auf, als ich mit 21 zu BDSM fand. Ab jetzt waren Rollenspiele abgesprochen und nicht so ein verschobenes Kopfkino wie mit den Teenager-Sexperimenten, und ich “mußte” mich nicht mehr ficken lassen. Ich war aktiv und passiv, und Männer und Frauen und Sextoys fingerten und leckten und vibrierten mich zum Höhepunkt, und ich erlebte intensive Gefühle. Siehe oben. Bullwhip. Angelhaken. Nägel.

Ich vermißte kein “normales” Miteinander-Schlafen.

Warum habe ich diesem Kittelfetischisten also vorgeschlagen, mich zu verführen? Weil mir irgendwas ein Vertrauen gab, weil ich zudem Neugier empfand und weil ich dachte: “Wenn, dann er.” Wir hatten uns über seinen Web-Blog kennengelernt, aber er war kein BDSM-er. Er war “nur” Fetischist. Das war mir nicht klar gewesen, als wir uns getroffen hatten. Aber hartes Painplay kam mit ihm nicht infrage. Dominanz kam mit ihm nicht infrage. Und vielleicht deswegen, oder vielleicht, weil ich ihn bereits liebte, ohne es zu wissen, schlug ich Blümchensex vor.

Und zwar blümchenhaften Blümchensex. Nicht “irgendwas Geiles” mit Schwanz-in-Möse, sondern Zärtlichkeit, Romantik, Nähe. Das hatte ich mir gewünscht, und das mußte ich nun “aushalten”.

Das mußte ich nun aushalten. Ohne dabei gefesselt zu sein. Ohne dabei Befehle zu kriegen. Ohne dabei Befehle zu geben. Ohne dabei um mich zu schlagen. Ohne uns in einem Playfight niederzuringen.

Ich stand da und wurde geküßt. Und meine Möse reagierte. Sie schwamm in Nässe.

Ich wappnete mich dem, was kommen würde. - Nichts kam.

Er wollte es langsam angehen lassen. Er hatte gar nicht vor, es JETZT mit mir zu machen. Er hatte mich NUR küssen wollen. Zärtlichkeit, Romantik, Nähe - vielleicht, weil er mich da schon liebte, ohne es zu wissen.

Nachdem er sich dem Herd zugewendet hatte, um das Abendessen zuzubereiten, stand ich verlassen und verwirrt im Raum. Meine Beine zitterten. Ich mußte mich setzen.

Ich wankte zum Sofa. Setzte mich nicht nur, legte mich. Kauerte mich zusammen. Zitterte.

Wollte meine seltsam nasse Möse berühren und traute mich nicht. Sie war mir fremd. Wie gesagt: Sie schwamm in ihrer Nässe. Faßte hin. Konnte die Patschnassigkeit kaum glauben. Ich brachte es nicht über mich, zu masturbieren.

Er kam zu mir. Fand mich beinah heulend auf dem Sofa. Wußte nicht, was los war. Er hatte mich doch NUR geküßt.

Eben. Er hatte mich GEKÜSST, und zwar nicht leidenschaftlich-wild-dynamisch, sondern so sacht, dass ich die Berührung seiner Lippen kaum gespürt hatte. Er hatte mich NUR geküßt, aber NUR am Hals - ohne “nach unten” zu wandern. Warum hatte DAS meine Möse zum Fluten gebracht?

Er hatte mich NUR GEKÜSST - warum hatte er mich nicht “nehmen” wollen? Und erst recht nicht “durchnehmen” wollen?

Und was war dieses Gefühl, auf das das Wort “geil” einfach nicht paßte? Gibt es einen Unterschied zwischen “Erregung” und “Geilheit”? Das fragte ich mich zum ersten Mal.

Ja - definitiv: ich war erregt! Aber ich war nicht geil!

DAS war mein erstes Mal. Mein erstes Mal Blümchen. Nichtmal Blümchen-SEX, nur Blümchen.

DAS war das Krasseste, was ich je erlebt hatte.

Und seitdem passieren viele derart merkwürdige Dinge.

Ich lerne nicht nur den Unterschied zwischen Erregung und Geilheit kennen, sondern auch den zwischen Ficken und Mit Jemandem Schlafen. Auch den Unterschied zwischen Mit JEMANDEM Schlafen und MIT Jemandem Schlafen.

Ich lernte Sex kennen, bei dem tatsächlich Schwanz in Möse steckt und der tatsächlich nicht in einem Orgasmus münden soll.

Ich hätte JEDE Frau verlacht bzw. für ein äußerst unemanzipiertes Weibchen gehalten, das gesagt hätte: “Ach, ich brauche doch keinen Orgasmus! Ich brauche nur seine Nähe!”

Tja, ich brauche in DIESER Art von Sex, den ich gar nicht Sex nennen würde, auch nichts anderes als die Unendlichkeit. Keine Treppe, die mit einer Klimax endet. Die Weite der Nähe. Die Weite des MIT Jemandem Sein. MIT meiner Kitteltranse. MIT.

Das ist das Krasseste, was ich je zugegeben habe.


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