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Empathie & Geduld

"Da muss man doch ein bißchen Geduld mit ihm haben." - Diesen Satz habe ich früher so oft schon von meiner Oma gehört, wahlweise für Geduld "mit ihm", "mit ihr" oder "mit ihnen". - Außer meiner Oma höre ich das so eigentlich niemanden sagen. Aber neulich hab ich es gedacht, dass ich mit jemandem Geduld haben muss, den ich sehr liebe und mit dem es so viele Mißverständnisse gegeben hat. Er hat mir ein Zitat geschickt: "Zwischen dem, was gesagt, aber nicht gemeint ist und dem, was gemeint, aber nicht gesagt ist, geht die meiste Liebe verloren." Als ich rückfragte, bestätigte er mir, dass er das auf uns beide bezogen hatte. Da habe ich ihm gegenüber etwas von Geduld geschrieben, die wir wechselseitig miteinander haben müssen.

Kurz zuvor hatte ich mich bei einer Freundin ausgeweint darüber, dass er kein Verständnis für mich hatte und mich ziemlich schroff zurückwies. Sie wiederum hatte unsere Situation so anhand meiner Beschreibung analysiert, dass wir (= der Freund und ich) gerade beide in ein Dissoziations-Pingpong gehen würden, obwohl wir gerade ein Empathie-Pingpong bräuchten. Also letztlich, dass wir beide gerade mehr Empathie füreinander haben müßten.

Obwohl ich z.B. in Coachings sehr empathisch sein kann und dazu natürlich auch empathisch zuhöre und rückfrage, gelingt dies -naturgemäß- in privaten Verstrickungen mit geliebten Menschen viel schlechter. Menschen, die mich auch mehr verletzen können, wenn sie sich aufgrund eigener Befindlichkeiten in sich zurückziehen oder mich abweisen. Dann fällt die Empathie natürlich schwer, denn dann schreit das eigene Herz auf, das sich selbst Verständnis wünscht.

An anderer Stelle habe ich schon geschrieben, dass ich das ursprüngliche Konzept von GfK (= gewaltfreier Kommunikation, die man laut dem Begründer Marshall Rosenberg auch "einfühlsame Kommunikation" nennen könnte) gar nicht schlecht finde. Nur die Umsetzung in den Kreisen, wo ich diese bislang erlebt habe, war und ist meistens doch sehr abschreckend. Aber die Absicht der GfK ist eben auch gegenseitige Empathie für die jeweiligen Bedürfnisse, die hinter dem Gesagten und dem Nicht-Gesagten stehen. Die Absicht, das Gemeinte zu erkennen durch empathische Einfühlung.

Aber was ist nun diese Empathie? Bislang hätte ich es mit "sich einfühlen können" übersetzt. Dies tue ich beispielsweise auch vor jeder meinerseits aktiven BDSM-Session in meiner Voreinstimmungs-Phase. Mich in mein passives Gegenüber hineinversetzen. Dazu baue ich mir "Eselsbrücken" über mittels der Erinnerungen an mein eigenes passives Empfinden, und da, wo wir unterschiedliche Kinks haben, "übersetze" ich dann die entsprechenden Auslöser noch ineinander. "Das ist bei ihm/ihr so, wie bei mir jenes ist. Und zwar hinsichtlich dessen, was dabei an Gefühl ausgelöst wird, auch wenn 'das' und 'jenes' sich in der Sache an sich dramatisch unterscheiden." Habe ich diese Brücke erst einmal geschlagen, kann ich das entsprechende Gefühl zunächst erinnern und mich dadurch auch in selbiges hineinversetzen. Und habe so eine gute Basis, um den/die Coachees oder Sessionpartner/in dann auch darin zu sehen, dort hinzuführen oder ihn/sie dort abzuholen - je nachdem, was gerade ansteht.

Das genügt aber nicht, wenn es um persönliche Verwicklungen geht. Dann funktioniert nämlich das Auffinden von Parallelen nicht, weil die eigenen Gedanken und Emotionen ja selbst hohe Wellen (in meinem Fall) schlagen oder man sich gerade "totstellt" (in seinem Fall). Eine von uns hitzig, einer tiefgekühlt. Dann wird es schwierig.

Und dann habe ich erkannt, dass "Geduld" hier das Zauberwort ist. Empathie ist eben nicht nur die oben genannte Fähigkeit, sich kognitiv für den Beginn eines Einfühlungsprozesses zu entscheiden. Sondern es ist darüber hinaus da, wo es "hart auf hart" (von beiden Seiten verwundet und entsprechend verwundend) kommt, auch noch nötig, eine "Engelsgeduld" zu haben. Mit sich selbst und mit dem Gegenüber. Und zwar wirklich im Wortsinn, der sicherlich etwas mit "dulden" zu tun hat. Man muss diese Scheißstimmungskrise dulden können. Sich bewußt gedulden, was beinhaltet, sich selbst zu beruhigen. Nicht, sich totzustellen. Nicht, überzuschäumen und dabei die eigenen Gefühle wegzuschwemmen. Sondern sich mit genug Selbstliebe und der anderen Person mit genug liebevollem Ertragen (= Gedulden) zu begegnen, um die Scheiße auszuhalten und dennoch die Empathie, das Einfühlungsvermögen, das Dich-Sehen-Können, das Verstehen-Können, das Sanfte darunter zu sehen. Unter der Eisschicht, unter der wogenden Gischt. Oder stattdessen. Das, was wir können, zu spüren. Das, was uns bewegt, zu registrieren. Trotzdem zu dulden. Sich, mich und dich. In der altmodischen Interpretation des Wortes, nicht ein ungeduldiges Halt-Zulassen, sondern eher duldende Sanftmut. Noch so ein altmodisches Wort.

Ich glaube, Empathie ist ein Mix aus Verstehen, Nachvollziehen, Einstimmen, Duldsamkeit, Zuwendung, Sanftmut und Zeitlosigkeit. Es dauert, so lange es dauert. Dadurch erfahren beide Seiten auch Validation. Und die ist es, die letztlich so gut tut.


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