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Freundschaft

Unter dem Begriff "Freundschaft" wird alles mögliche verstanden - vom Facebook-Freund, den man nicht einmal persönlich kennt, über den Tennis-Kumpel, den man nur 1x/Monat für ein Match sieht und mit dem einen eher eine Zweckgemeinschaft (Zweck: Tennis) verbindet, bis zum "besten Freund", den man zu Kindergartenzeiten hatte, aber den man eigentlich längst aus den Augen verloren hat. All dies halte ich für recht flache Formen von Freundschaft und habe mir Gedanken gemacht, wann ich selbst tatsächlich mit Überzeugung diesen Begriff verwende.

Sicherheit, Entspanntheit, Verläßlichkeit

Erst kürzlich schrieb ich an A.:

Für mich ist für Freundschaft wesentlich, dass man sich in der jeweiligen Gegenwart sicher und entspannt fühlt, man selbst sein kann, ohne sich zu verstellen und dass es eine Verläßlichkeit/Gewißheit im Umgang miteinander gibt.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich schon mit der ersten Zeile dieses Absatzes ins Strudeln geriet, denn spontan hätte ich lapidar geschrieben: "Erst kürzlich schrieb ich an einen Freund, …" und A. ist kein Freund im o.g. Sinne.

Ich verwende zwar nicht das (mir per se "tief" erscheinende) Wort "Freundschaft", aber durchaus mal das Wort "Freund" oder "Freundin" auch allgemeiner (= im weiteren, oberflächlicheren Sinn) als "jemand, den ich gut kenne und mit dem mich etwas mehr als eine völlig flüchtige Bekanntschaft verbindet oder zumindest verbunden hat" ohne die o.g. Tiefe. In solchen Fällen verwende ich es (insbesondere im Gespräch gegenüber Dritten, um die Art des Kontakts irgendwie zu labeln), weil mir auf die Schnelle kein besseres Wort einfällt. Und auch jetzt, wo ich dies schreibe und gezielt darüber nachdenke, fällt mir keine Bezeichnung ein.

Aber mit Menschen, mit denen ich mich "wirklich befreundet" fühle, empfinde ich das Genannte.

A., mit dem ich mich nach meinem Verständnis nicht befreundet fühle, fühlt sich allerdings nach seinem Verständnis mit mir befreundet. Und das nicht etwa, weil er bei mir entspannter ist als ich bei ihm, sondern weil er Freundschaft offenbar anders definiert.

(Frei-)Zeitverbringen & Zuneigung

Für sein Verständnis von Freundschaft genügt das "zugeneigte Interesse" an gemeinsamem (Frei)Zeitverbringen. Wobei A. es manchmal bevorzugt, dann schweigend nebeneinander zu sitzen oder im gemeinsamen Raum jeder für sich am Schreibtisch zu arbeiten - das gemeinsame Zeitverbringen ist also nicht zwangsläufig eines, wo man sich einander oder einer gemeinsamen Aktivität widmet.

Direkt, nachdem ich ihm die Zeile in die Mail getippt hatte, kam mir der Gedanke in den Sinn, dass A. solche Freundschaften vielleicht gar nicht kennt, die ich als "echte Freundschaften" bezeichne. Dass er sich wohlmöglich nie entspannt fühlt und nie sicher, er selbst zu sein. Soweit ich weiß, tut er es zumindest auch bei seiner festen Partnerin nicht.

Für mich hingegen ist Freundschaft immer auch Bestandteil einer Liebesbeziehung. Zumindest einer nicht-abhängigen Liebesbeziehung, einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung.

Wikipedia schreibt über "Freundschaft":

Freundschaft bezeichnet ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.

Die reine Zweck-Freizeitgestaltung ohne Zuneigung scheidet übrigens sowohl in meiner als auch in A.'s Freundschafts-Definition aus. Wobei sich meine Zuneigung wohl automatisch entfaltet, wenn ich in jemandes Gegenwart frei und sicher zugleich sein kann oder dies -ggf. anfänglich mißverständlich, wie es bei A. der Fall war- sein zu können glaube. Was ihn zu Zuneigung veranlaßt, habe ich noch nicht herausgefunden.

Zuneigung und Sympathie erscheint mir allerdings fast "doppelt-gemoppelt", bleibt also Vertrauen als Kriterium.

Vertrauen

Da stellt sich nun die Frage, wie tief dieses Vertrauen reichen muss. Wenn ich mich bei jemandem "sicher und entspannt fühle, ich selbst zu sein", und zugleich auf Verläßlichkeit bauen kann, dann habe ich Vertrauen. Soviel Vertrauen habe ich nicht zu A. und hat A. nicht zu mir, denn wenn ich "ich selbst" bin, erschreckt ihn meine Emotionalität und daher muss ich mich zensieren, darf mich nicht in seiner Nähe wirklich entspannen. Und wie gesagt vermute ich, dass er nie ganz "er selbst" ist - denn als ich ihm zu Beginn unseres Kontaktes (als wir noch beide eine Freundschaft anbahnen wollten) gerne kennenlernen wollte, räumte er ein, sich selbst nicht gut zu kennen - und so habe ich ihn dann in den späteren Begegnungen auch erlebt.

Das Vertrauen, dass wir uns gegenseitig nicht absichtsvoll schaden würden, ist aber definitiv gegeben. "Irgendeine" Zuneigung auch, die aber durch die stets auch beidseitig erforderliche Anspannung im Umgang (in unserem Fall: hinsichtlich Emotionen und Konventionen) deutlich gemindert wird. So sehr gemindert, dass er mich nicht mehr treffen will, aber gerne noch mit mir schreibt, und dies "Freundschaft" nennt. So sehr gemindert, dass ich ihn sehr gerne sehen würde, aber dies nicht mehr "Freundschaft" zu nennen bereit bin.

Erfüllte oder angestrebte Freundschaftsideale

Ähnlich, wie ich bei Liebe in aktives und passives Lieben unterscheide, würde ich mit A. sehr aktiv eine Freundschaft pflegen - ähnlich wie "Beziehungsarbeit" in einer Liebesbeziehung dazu gehören kann, wäre das dann viel Kommunikation mit dem Ziel, den beidseitig entspannten, authentischen, vertrauensvollen und gewissen Zustand herbeizuführen. Würden wir auf dieses Ziel hin beide streben, ja, dann würde ich auch dann bereits von "Freundschaft" sprechen, wenn es noch nicht erreicht wäre.


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