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Liebe als Komplexitätsreduktion

Sicher haben Sie bereits eine eigene Assoziation zum Begriff "Liebe".

Ich möchte hier eine recht nüchterne Sichtweise aufzeigen, die ich insbesondere beim Soziologen Luhmann im Aufsatz "Liebe - Eine Übung" bestärkt fand:

Das Gefühl, das viele von uns "Liebe" nennen, resultiert aus gelegentlichem intensivem Wohlgefühl in Gegenwart eines Menschen, das wir uns zu wiederholen wünschen / nicht mehr missen möchten. Selbst dann, wenn wir gerade dieses Gefühl nicht akut verspüren, können wir uns daran erinnern und hoffen, es wieder mit dieser Person zu erlangen.

Wichtig ist, dass die Person uns auch sympathisch ist (oder wir zumindest keine gravierenden persönlichen Abneigungen und/oder gruppenzugehörigkeitsbedingte Vorurteile gegen sie hegen) - ansonsten würde sich lediglich die egoistische Tendenz entwickeln, sie zu unseren Gunsten auszubeuten.

Die bloße Aussicht darauf, mit derselben Person wieder einmal erfreulichen, Wohlgefühl erzeugenden Zeitvertreib zu haben, macht noch kein Verliebtsein und keine Liebe aus.

Ins Verliebtsein spielt ein euphorisch-überschwängliches Gefühl hinein, das oft aus sexuellem Begehren (und ggf. dessen zumindest partieller Befriedigung) gespeist wird. Alternativ könnte es auch aus romantischer Sehnsucht gespeist werden. Insbesondere aus der romantischen Sehnsucht, oder auch aus einer erotischen, ggf. bei entsprechend veranlagten Menschen auch bizarrerotischen/fetischistischen, Sehnsucht und partiellen Erfüllung resultieren vermutlich die sogenannten "Schmetterlinge im Bauch".

Luhmann spricht von der "Reflexivität der Liebe": Man hat bereits einen intensiven Wunsch nach Verliebtheit und/oder nach Liebesgemeinschaft/beziehung, und man hofft diesen nun mit demjenigen Menschen zu erfüllen.

Warum hat man aber nun einen solchen Wunsch nach Verliebtheit/Liebe? In unserer Gesellschaft wird -anders als in früheren Gesellschaften- ein entsprechendes romantisches Ideal proklamiert: schon von klein auf werden wir so erzogen, den/die "Richtige" zu suchen, ggf. sogar zu brauchen. Luhmann beleuchtet die Hintergründe: Liebe erfüllt demnach eine soziale Funktion: Sie hilft uns bei der Komplexitätsreduktion einer sehr differenzierten Umwelt - wir können sie zum einen als "Filter" benutzen (Kommunikationsmedium), um uns bei unseren Lebens-Entscheidungen an damit verbundenen Werten zu orientieren. Andere filternde Medien wären z.B. Wahrheit, Macht oder Reichtum. Zum anderen schafft uns eine Liebesbeziehung eine Nahwelt, in der wir uns idealerweise gesehen und bestätigt fühlen und auch unser Gegenüber sich gesehen und bestätigt fühlt. Dabei ist zunächst noch unklar, inwieweit wir einander und uns selbst tatsächlich sehen und einander tatsächlich bestätigen (können), oder inwieweit diese Gefühle lediglich auf Projektionen basieren, somit letztlich zu weiten Teilen lediglich Illusionen sind.

Da Liebesbeziehungen nun aber aus der Sehnsucht nach einer solchen gemeinsamen Konstitution von "Nahwelt" heraus entstehen, beruhen sie in gewisser Weise auf dem (oft unbewußten) Konsens darüber, sich gemeinsam auf separate Illusionen einzulassen - und sie auch dann zu halten, wenn eine Desillusionierung einsetzt, weil man dann zwischenzeitlich eine Vertrautheit gewonnen hat, die ebenfalls der Komplexitätsreduktion einer überfordernden Umwelt dient und somit die "Nahwelt" stabil hält, um weiterhin deren funktionelle Wirksamkeit zu gewährleisten.


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