BlogReflexionen

Wann ist Sex oder BDSM "gut" und wann destruktiv?

Fast jede sexuelle, sadomasochistische, erotische, tantrische oder fetischistische Praktik kann man aus verschiedensten Gründen ausüben. Man kann dabei egoistisch "im Schwanz" bzw. "in der Möse" sein, man kann "das Gegenüber glücklich machen", man kann "sich völlig hingeben" oder auch "sich komplett aufgeben". Man kann etwas tun (oder mit sich tun lassen), um sich hinterher besser zu fühlen oder um sich in den eigenen Komplexen zu bestärken, nichts Besseres verdient zu haben. Manchmal geht es um ein paar Ecken herum: man kann zur eigenen Bestätigung für's Gegenüber etwas tun oder erdulden, man kann sich ihm/ihr hingeben bzw. sich der Hingabe wegen von ihm/ihr bespielen lassen. Die Praktik kann den Weg in die Katharsis öffnen, in die Begegnung, in die Geilheit - oder kann ein (auto)aggressiver Akt sein.

Man kann es genießen, etwas nicht zu genießen und sich über die Klippe führen und trösten/auffangen zu lassen. Man kann es genießen, etwas nicht zu genießen und sich selbst beherzt über die Klippe schwingen, um sich an jemanden in Liebe zu verschenken. Man kann es genießen, etwas nicht zu genießen und sich selbst über die Klippe hieven, um es geschafft zu haben und sich damit etwas zu beweisen. Oder man kann es genießen, etwas nicht zu genießen und sich selbst über die Klippe hieven, um es geschafft zu haben und sich damit etwas zu erschließen. Die Reihe ließe sich noch um etliche Facetten fortsetzen. Man kann natürlich auch genießen, zu genießen. Oder genießen, zu entdecken. Oder genießen, zu spüren. Oder genießen, jemandem Genuß oder Entdeckung oder Gefühl zu bescheren. Und dies wiederum aus Liebe, aus Narzißmus, aus Sadismus, aus Lust etc. etc.

Man kann sich auch über die Klippe hieven oder hieven lassen ohne Genuß. Oder den/die andere über die Klippe tragen ohne Gefühl.

Verschiedene Personen können für dieselbe Vorliebe unterschiedliche Motivationen haben.

Eine Person kann für dieselbe Praktik mit verschiedenen Partner/inn/en unterschiedliche Motivationen haben.

Wenn dieselbe Praktik von einer Person mit unterschiedlichen Motivation ausgeführt wird, kann sie auch unterschiedliche Gefühle bei dieser Person auslösen.

Und die ausgelösten Gefühle können unterschiedlich tief bzw. oberflächlich sein.

Im Alter von 21 Jahren hatte ich mein BDSM-Coming-Out. Ich switchte und lernte Masochismus und Sadismus sowie auch aktive/passive Wunscherfüllung für masochistische oder sadistische Gegenüber kennen, und dies voneinander zu unterscheiden. Ich lernte früh dominante Wunscherfüllung für devote Gegenüber kennen, erst viel später auch tief empfundene eigene Dominanz. Und noch viel später auch tief empfundene eigene Devotion. Dabei entdeckte ich erst Devotion, die ihre Lust aus ihrem Selbstzweck bezog, solch ein tiefes Gefühl zu empfinden - und erst später Hingabe, die wirklich "ganz für die/den Top" war und nicht "für mein eigenes Devotionsgefühl für ihn/sie". Entsprechend gibt es auch tiefe Hingabe "ganz für den/die Sub". Aber diese Hingabe zu kennen und zu können soll bei mir nie heißen, nicht auch Motivationen immer zu switchen - d.h. mit der Person, für die ich mal "ganz deins" bin, auch wieder die Rollen zu tauschen und auch wieder selbst (egal ob aktiv oder passiv) zu empfangen statt zu geben. Es gibt auch "für uns" - dann steht das Miteinander im Vordergrund.

Man kann aber auch einen pragmatischen Deal abschließen, z.B. Wunscherfüllung gegen Geld oder Wunscherfüllung A gegen Wunscherfüllung B. Der Deal kann fair sein, so dass alle Seiten auf ihre Kosten kommen, oder er kann eine Abhängigkeit ausnutzen.

Sex kann "geil" sein oder "schön" oder "nah" - man kann ficken oder miteinander schlafen. Entsprechendes gilt für BDSM. Egoistisch motiviert oder einander zugewandt. Sind beide Seiten egoistisch, aber keine Seite verzweifelt, kann der Deal fair sein. Und geil!

Viele Motivationen für Sex oder BDSM sind direkt positiver Natur (Lust, Glück, Nähe, Erregung, Sinnlichkeit) oder auf Umwegen positiver Natur (letztlich zu Lust, Glück, Nähe, Erregung, Sinnlichkeit etc. führend) oder zumindest neutral (wohlwollender Liebesdienst, passionierter Job, unkomplizierter Spannungsabbau). Das daraus jeweils resultierende Gefühl kann tiefer oder oberflächlicher sein.

Als schlecht (bzw. negativer Natur) bezeichne ich Motivationen, wenn sie nach Auswerten aller Umwege noch einem selbstverletzenden (=autoaggressiven bzw. autodestruktiven) oder fremdverletzenden (= destruktiven) Mustern folgen: Aggression kann einvernehmlich so gehandhabt werden, dass sie nicht per se destruktiv ist; für Autoaggression ist dies meiner Kenntnis nach nicht möglich.

Es greift zu kurz, wenn zwar kurzfristig beispielsweise eine Spannung abgebaut und dadurch eine gewisse Erleichterung, Befriedigung oder Befriedung (z.B. einer aufgewühlten Psyche) erreicht wird, aber dafür jemand (man selbst oder das gegenüber) in der Bilanz seelisch abgewertet wird -> dann ist es Mißbrauch, ggf. einvernehmlicher Mißbrauch, ggf. sogar bewußt eingegangener Selbstmißbrauch, aber kein "guter" Sex oder BDSM. (Um es in den Worten von "SSC" zu sagen, fehlt dann die Sanity.)

Wenn entweder die Motivationen oder die in Kauf genommenen Begleitauswirkungen (insbesondere von egoistischen Motivationen auf die Sex- bzw. Spielpartner/innen) destruktiv sind, ist nach meinem Verständnis der gesamte Sex / BDSM destruktiv und damit "schlecht". Dies gilt auch, wenn von mindestens einer Seite reale Verachtung (stattt evtl. im BDSM rollenspielerisch inszenierter Verachtung) in die Begegnungen eingebracht wird.

Hingegen ist meiner Ansicht nach "guter" Sex bzw. BDSM für mindestens eine/n der Beteiligten explizit bereichernd (schön, geil, erhebend) und für alle anderen mindestens mit neutraler Befindlichkeit ausführbar (d.h. als "okay" mitzutragen - und dies präsent ohne Dissoziation, d.h. ohne sich geistig "auszuklinken") - und zudem für alle mit einem Mindestrespekt, idealerweise sogar mit echtem Wohlwollen, für die Mitspieler/innen verbunden.

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