Vorlieben

Sklavenvertrag - Fiktion oder intensivste Form des D/S ?

D/S leben oder spielen - total / erotic power exchange (TPE / EPE) oder Rollenspiel ?

Innerhalb der BDSM-Szene entbricht immer mal wieder die Diskussion, ob BDSM "nur gespielt" oder "wirklich gelebt" wird. Häufig werfen dabei D/S-ler (=Anhänger von Domination&Submission) den S/M-ern und Roleplayern (= Anhängern von reinen Schmerzpraktiken oder von bewußt als solchen inszenierten Rollenspielen) vor, dass sie "gar keinen richtigen BDSM" machen. Diejenigen D/S-ler, die eine solche Wertung vornehmen, vertreten meist das Konzept des total power exchange (TPE, das D/S-Machtgefälle gilt für alle Bereiche der Beziehung und des Alltagsleben) oder zumindest des 24/7 erotic power exchange (das Machtgefälle betrifft zwar nur die erotisch-sexuellen Aspekte, ist aber in der gesamten Beziehungssituation - 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche- ständig präsent, so dass nicht in "in-role" und "off-role" unterschieden wird; Sessions also nicht mit klarem Beginn und Ende "an- und ausgeschaltet" werden) und idealisieren somit die Dauerhaftigkeit des Machtgefälles. Sie unterscheiden sich somit von denjenigen D/S-lern, die D/S lediglich als lustvollen Teil von zeitlich klar begrenzten Rolleninszenierungen (üblicherweise als Inszenierung des klassischen Konzepts von Herr/Herrin und Sklave/Sklavin) begreifen, und die somit einen erotic power exchange (EPE) zwar auch betreiben, aber eben bewusst limitiert auf eine temporäre Session von meist wenigen Stunden, höchstens aber einer Urlaubsdauer.

Natürlich sind nicht überall die Fronten so verhärtet, dass sich die 24/7 Anhänger (egal ob von total oder erotic power exchange, auf alle Fälle aber auf die Dauerhaftigkeit der jeweiligen Hierarchien focussiert) mit den Vertretern von klar begrenzten Sessions stets bekämpfen müssen. Einige 24/7-Anhänger von EPE bezeichnen ihre dauerhaften Affären auch weiterhin als "Spielbeziehungen" und distanzieren sich somit nicht von dem Wort "spielen", während dies konsequent die meisten TPE-ler meiner Erfahrung nach tun. Letztere spielen ja auch tatsächlich in dem Sinne nicht, dass manche Einflüsse auf das reale Leben (z.B. Beruf) wirklich über ein erotisch-lustvolles Spiel weit hinausgehen, insofern ist die Ablehnung des Wortes Spiel in diesem Kontext ja auch schlüssig. Einige 24/7 EPE-ler begreifen hingegen ihren dauerhaften Machtaustausch auch weiterhin als erotisch-lustvolles Spiel mit eben durchgehender Dauer - dies kommt wohl überwiegend in erotischen Affären vor. Die Ablehnung der 24/7 EPE-ler gegenüber dem Wort "Spiel", die ebenfalls gelegentlich vorkommt, bezieht sich hingegen wohl meist darauf, dass sie -meist in Liebesbeziehungen- "Herr/Herrin und Sklave/Sklavin" eben nicht nur miteinander lustvoll als erotische Vorliebe zelebrieren, sondern ihre Beziehungsemotion -meist Liebe- mit einer ständig füreinander empfundenen Top- bzw. Sub-Haltung einhergeht, z.B. mit einem ständig empfundenen Beschützer-Instinkt oder einer ständig empfundenen Verehrung, und auch mit dem spezifischen D/S-Stolz, der aus Hingabe an den Herrn/die Herrin oder verantwortungsbewußter Macht über den Sklaven/die Sklavin rührt.

Wenn man diese Unterschiede einmal nachvollzogen hat, kann man verschiedene D/S-Entwürfe bei anderen BDSM-Mitmenschen leichter akzeptieren, ohne sie als "falsch" beurteilen zu müssen. Es wird dann lediglich Entwürfe geben, die für eine/n selbst infrage kommen, während andere Entwürfe einfach nicht der eigenen Vorliebe entsprechen. Unter Umständen ist es auch möglich, als einzelne Person mit mehreren BDSM-Partner/inn/en jeweils verschiedene Konzepte zu verfolgen. Und meiner eigenen Erfahrung nach lassen sich die verschiedenen Entwürfe auch nicht schlichtweg graduell abgestuften Empfindungs-Intensitäten (Einzelsessions als kleinere Intensität, beziehungsübergreifender Machtaustausch als höhere Intensität) zuordnen, sondern es handelt sich wirklich um so sehr verschiedene Entwürfe, dass sich die Qualitäten nicht direkt miteinander vergleichen lassen.

Der Sklavenvertrag

Je nachdem, vor welchem BDSM-Hintergrund ein Sklavenvertrag geschlossen wird, hat er eine ganz andere Bedeutung. Wichtig ist, ob er "in-role" oder "off-role" geschlossen wird, also als rein spielerische Fiktion oder als Dokumentation der Vorverhandlungs-Ergebnisse, wie Top und Sub ihre D/S-Beziehung führen wollen, somit als sozusagen äußerer Rahmenvertrag. Ein äußerer Rahmenvertrag kann in einem professionellen Kontext z.B. die Vergütungsfrage regeln (z.B. Zahlung einer Monatspauschale bei Dauerversklavung ).

Ein rein fiktiver Vertrag hingegen dient dem lustvollen Ausbau einer Macht-Ohnmachts-Fantasie, die ganz bewußt als Fantasie verstanden wird und ihre Grenzen an den tatsächlichen Rahmenabsprachen findet. So kann z.B. ein Sklave gemäß eines solchen Sklavenvertrags der Herrin in ewiger Gefangenschaft unterstellt werden, obwohl zwischen den Rollenspielern bereits eine Uhrzeit abgestimmt ist, wann diese Versklavung endet. Der Herrin kann uneingeschränkte Macht zu Folterungen zugestanden werden, obwohl SSC bzw. Risk-aware-consensual-kink als tatsächliche Rahmenbedingung ihr niemals erlauben würden, davon unverantwortungsvollen Gebrauch zu machen.

Bei D/S-Rollenspielern, die einen Sklavenvertrag im Rahmen einer Sessioninszenierung als reine Fiktion aufsetzen, stellt sich die Frage nach einer übergreifenden Wirksamkeit der darin getroffenen Absprachen gar nicht erst: die meisten Absprachen darin spielen geradezu mit Angst und Schrecken (Fear Play). Rein nüchterne Niederschriften formaler Rahmenabsprachen werden hingegen äußerst selten als Sklavenvertrag bezeichnet, da das Aufsetzen eines Sklavenvertrags üblicherweise ein rituell zelebrierter Prozess ist. Allerdings werden im Rahmen eines solchen rituellen Niederschreibens u.U. auch zumindest ausgewählte Teile von zuvor besprochenenen Rahmenbedinungen (z.B. eine Vergütungsabsprache) in ritueller D/S-Sprache formuliert, in einigen Fällen wird auch die Vorverhandlung der Rahmenbedingungen (Negotiation) selbst bereits einvernehmlich mittels D/S-üblicher Formulierungen (man spricht z.B. von "Tribut" statt von "Vergütung") geführt. Ein Sklavenvertrag, der die Inhalte der Absprache also nur rituell formuliert widergibt, kann somit ein Beleg für die tatsächlich einvernehmlich besprochenen Rahmenbedingungen sein. Schwieriger wird es, wenn sich aber verschiedene Ebenen vermischen: wer einen Sklavenvertrag abschließt und auch tatsächliche Rahmenabsprachen darin festhält, vermischt dies gelegentlich mit -tatsächlich sittenwidriger- Fiktion. So können z.B. Regeln "bis zum Tod des Sklaven" festgelegt werden, die für die Dauer der einvernehmlichen Beziehung gelten, aber mit Ende der Einvernehmlichkeit auch enden. Ein regelmäßiges Domina-Honorar in Form eines "Monatstributs" kann z.B. durchaus als Pauschale vereinbart werden - wird eine entsprechende Zahlungsverpflichtung aber ritualisiert "für alle Ewigkeiten" im Sklavenvertrag festgeschrieben, so ergibt sich daraus kein dauerhaftes Rechtsverhältnis, sondern es muss -auf realer Ebene- die Möglichkeit zur Kündigung des Business-Verhältnisses zwischen der Domina als professioneller Dienstleisterin und dem Sklaven als ihrem professionellen Kunden geben, und zwar sowohl für die Dienstleisterin als auch für den Klienten (üblicherweise zum jeweiligen Monatsende).

Grundsätzlich haben meine Regeln zu Sicherheit und Eigenverantwortung immer Vorrang vor jedweder Sklavenvertrags-Formulierung. Insbesondere bleibt der passive Part verpflichtet, dem aktiven Part körperliche oder psychische Unverträglichkeiten unverzüglich anzuzeigen, selbst wenn ihm dies durch eine Sklavenvertrags-Formulierung explizit verboten wäre (z.B. "der Sklave hat zu schweigen und alles geduldig zu ertragen, was auch immer die Herrin ihm antut"), um die Macht-Ohnmachts-Fantasie erregend durch diese Fiktion völliger Auslieferung auszukosten.

Vergütungsabsprachen, die ja bei Langzeit-Sessions von mehr als 3 Stunden mit mir individuell getroffen werden können und bei 24/7-Dauerarrangements sogar individuell mit mir getroffen werden müssen, haben -sofern sie im Rahmen eines solchen Dauer-Arrangements in einem Sklavenvertrag formuliert werden - zwar Gültigkeit für die Dauer des Arrangements, aber nie darüber hinaus: das Arrangement kann beidseitig, selbst wenn der Sklavenvertrag dies anderweitig vorsieht, stets gekündigt werden - dazu genügt es, wenn die Domina den Kündigungswunsch ausspricht und evtl. bereits erhaltene Überzahlungen in Einzelsessions abzuleisten oder alternativ auszuzahlen bereit ist, oder wenn der Sklave -unter Verzicht auf eine Rückerstattung bereits im Rahmen der Absprache getätigter finanzieller Transaktionen- die monatlichen Zahlungen einstellt bzw. die Kontovollmacht (eine solche darf grundsätzlich nur über Konten mit Beträgen, die auch wirklich als maximale Investition in die gedacht sind, ausgestellt werden) aufhebt.


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