VorliebenKlinik-Praktiken

Stechen, Nähen, Schneiden -"Edge Play" im engen Wortsinn

In diesem Abschnitt stelle ich Ihnen einige Praktiken rund um (medizinische und nicht-medizinische) Nadeln, Kanülen, Messer, Tacker und Kleber vor.

Teilweise werden solche Spielarten übrigens als "Edge Play" -im wahrsten Sinne des Wortes: Spiel mit Spitzen, Kanten, Klingen- bezeichnet. Meist aber wird der Begriff "Edge Play" von BDSMer/innen in anderem Sinn verwendet, nämlich als "Spiel mit den Grenzen". Hier soll es aber um das wortwörtliche "Edge Play" gehen.

Für diejenigen unter Ihnen, die davon bislang noch nichts gehört haben, mag die Vorstellung schockierend (oder unverständlich ) sein, daß sich manche Menschen freiwillig (und lustvoll!) von anderen Menschen Nadeln und Ähnliches durch die Haut - meist nur die oberen Schichten, seltener auch kontrolliert tiefer ins Gewebe- stechen lassen, sich ohne selbstverletzende Autoaggression mit Skalpellen ritzen bzw. sich von ihren Freund/inn/en oder Dominas bzw. Mastern ritzen lassen oder medizinische Tacker rein zum erotischen Spaß verwenden.

Wie bei sehr vielen erotischen Vorlieben gibt es auch hier die verschiedensten Motivationen, diese Spielarten des BDSM zu genießen. (Darüber hinaus gibt es auch außerhalb der BDSM-Welt noch Motivationen, einige vergleichbare Praktiken als kulturelles oder spirituelles Ritual zu zelebrieren, oder sich ihnen aus ästhetischen Modegründen unterziehen. Dies kann sich ggf. auch im Einzelfall vermischen.)

Im Folgenden liste ich -ohne Anspruch auf Vollständigkeit- auf, was in diesem Bereich des wörtlichen "Edge Plays" getan wird, worauf geachtet werden muss und warum das geil oder anderweitig erfüllend sein kann.

Die Praktiken

In diesem Abschnitt habe ich sowohl die Praktiken dieses Themenkomplexes zusammengestellt, die ich selbst passiv kenne und aktiv beherrsche als auch jene, die nicht (oder noch nicht) in meinen eigenen Erfahrungs- und/oder Kompetenzbereich fallen - letzteres ist in den jeweiligen Abschnitten vermerkt. Einiges, was ich noch nicht kenne, würde ich mit einem reflektierten und idealerweise erfahrenen Gegenüber durchaus aktiv und/oder passiv ausprobieren, anderes stufe ich subjektiv als "zu gefährlich" ein, um mich darauf einlassen zu wollen. Sprechen Sie mich im Einzelfall an und/oder vereinbaren Sie ein sessionvorbereitendes Plauderdate, um unseren jeweiligen Background miteinander abzugleichen.

Auf alle Fälle bitte ich Sie bei jeder dieser Praktiken, sich unabhängig von meiner Beratung und persönlichen Meinung auch selbst eigenverantwortlich z.B. via Internet-Recherche umfassend über die Risiken zu informieren, damit Sie eine Entscheidung im Sinne von risk-aware consensual kink treffen können.

Nadelungen & Vernähungen (Playpiercing & Sewing)

Als ich zum ersten Mal in einem kommerziellen SM-Studio von "Nadelungen" und "Vernähungen" hörte, wußte ich mit diesen Begrifflichkeiten nichts anzufangen. Bald stellte sich aber heraus, daß ich dieselben Praktiken unter den Bezeichnungen "Playpiercing" und "Sewing" bereits kannte - und aktiv ebenso wie passiv liebte … bzw. noch immer liebe.

Bei einer BDSM-Nadelung bzw. einem Playpiercing werden meistens medizinische Kanülen oder medizinische Akkupunktur-Nadeln verwendet. Playpiercings können an verschiedenen Stellen des Körpers gefahrlos (bzw. risikoarm) gesetzt werden. Ich kenne sowohl Menschen, die sich gern die Arme oder den Rücken nadeln lassen, als auch solche, die es nur im Genitalbereich oder um/an ihren Nippeln mögen. Das Nadelende bzw. die Kanülenspitze wird meist relativ flach unter die Haut (insbesondere an Stellen wie den Armen oder am Rücken, im Vorhof der Brustwarze, am Penisschaft, am Hodensack) eingestochen und dann etwas versetzt wieder an die Hautoberfläche herausgeführt, oder aber steil durch eine geeignete Körperstelle (Ohrläppchen, Nippel, Schamlippe, Eichelkranz o.ä.) direkt ohne Richtungswechsel hinein- und hindurchgeführt. Die Nadel/Kanüle bleibt dann als "temporäres Piercing" stecken. (Sowohl die Handlung des Stechens als auch deren Ergebnis, i.e. die durchgesteckte Nadel o.ä., können dabei im BDSM mit dem Begriff "Piercing" bezeichnet werden.)

Tatsächlich gleicht der Prozeß des Durchstechens eines Metallgegenstands durch menschliche Haut/Gewebe-Partien der Prozedur bei einem Schmuckpiercing (= permanenten Piercing), nur dass bei letzterem spezielle Piercing-Hohlnadeln bevorzugt werden, durch deren Kanal dann der gewünschte Piercing-Schmuck (meist Ringe oder Stäbe) anschließend eingesetzt werden kann.

Beim Schmuckpiercing muss nach Entfernen der Piercing-Nadel (die sich dann, anders als eine Kanüle, einfach "durchschieben" läßt) muss durch einen Verschluß o.ä. sichergestellt werden muss, daß das Schmuckstück seine Position beibehält - dann setzt beim permanten Piercing eine länger andauernde Heilungsphase ein. (Da für die meisten Menschen, die aus modischen Gründen permanente Piercings tragen, meist der Prozeß des Piercens nur der Weg zum Ziel des Geschmücktseins ist, wird von ihnen häufig nur das entsprechende Resultat als das eigentliche "Piercing" bezeichnet. Es ist in Piercing-Studios nicht unüblich, daß die zu durchstechenden Körperpartien sogar vorher lokal betäubt werden, was dem SM-Gedanken natürlich total zuwiderläuft.)

Im Gegenzug zum permanenten Schmuckpiercing bleibt ein Playpiercing nur temporär für die Dauer eines Plays -oder sogar nur eine gewisse Zeitspanne innerhalb des Plays- bestehen: anschließend wird die Nadel/Kanüle wieder entfernt und üblicherweise dann auch direkt (sinnvollerweise in einen medizinischen Nadel-Abwurfbehälter) entsorgt. Die durch den "Pieks" vorübergehend entstandenen Einstiche verheilen üblicherweise schnell und hinterlassen keine bleibenden Spuren.

Seltener als ein typisches Playpiercing, d.h. ein Durchstich bzw. flacher Einstich mit direkt dahinter folgendem flachen Ausstich, ist bei BDSM-Nadelungen u.U. auch ein einfacher senkrechter Einstich, insbesondere bei kurzen (Akkupunktur-)Nadeln. Da dabei sowohl absichtsvoll als auch versehentlich tiefer gestochen werden kann, steigt allerdings dabei das Risiko unbeabsichtigter Verletzungen und Nervenschädigungen, weswegen ich diese Art der Nadelung (insbesondere im empfindlichen Bereich der Anal-Rosette) meist ablehne.

Den Playpiercings hinsichtlich der Stech-Erfahrung ähnlich, aber darüber hinaus noch um einen zusätzlichen Kick (und ggf. durch zusätzlichen Schmerz bei straffer Fadenführung) erweitert, sind Nähspiele mit Nadel und Faden.

Möchte man mit Nadel und Faden spielen, gibt es (mindestens) zwei Möglichkeiten: durch Kanülen und andere Hohlnadeln können (idealerweise sterile) Fäden durchgefädelt werden, aber man kann auch mit medizinisch chirurgischem Nahtmaterial (oder alternativ einer normalen steril aufbereiteten Nähnadel und einem entsprechenden Faden) menschliche Haut ähnlich wie ein Stück Stoff vernähen.

Im letztgenannten Fall spricht man dann von Sewing bzw. Vernähung. Dies dient gelegentlich nur der temporären ästhetischen Zierde (z.B. auf dem Rücken Ziernähte in Form einer Korsettschnürung) , oftmals hat eine Vernähung aber auch tatsächlich die Funktion, etwas für die Dauer des Plays zuzunähen (z.B. die Penisvorhaut oder die Schamlippen zusammenhalten) oder aufzuspreizen (z.B. durch Annähen der Schamlippen an die Oberschenkel) oder etwas unter Spannung zu verbinden (z.B. die beiden Brüste) oder -unter Beachtung der hygienischen Risiken- anzunähen (z.B. Knöpfe auf den Brust- oder Bauchbereich oder Christbaumschmuck an einen "lebenden Weihnachtsbaum").

Ich mag diese Spielarten sehr, sehr gerne. Am liebsten hantiere ich bei einer chirurgischen Nadel-Faden-Kombi auch wirklich mit chirurgischem Nahtbesteck (Pinzette, Nadelhalter etc.), obwohl es im BDSM auch nicht unüblich ist, ein Nadel-Faden-Kombiset einfach direkt mit den behandschuhten Fingern zu greifen.

Playcutting (und die Abgrenzung zu SVV)

Beim Playcutting schneiden sich Menschen selbst oder ihre Partner/innen aus erotischen oder sonstigen als lustvoll oder anderweitig positiv empfundenen Gefühlen mit Skalpellen bzw. sonstigen (idealerweise steril aufbereiteten) Klingen oder Messern. Dabei wird meist nur die oberste Hautschicht verletzt, so dass die temporär entstehenden Wunden -wie auch bei den Playpiercings- schnell verheilen.

Ähnlich wie es bei einem Playpiercing nicht beabsichtigt wird, dauerhaft einen Metallschmuck zu tragen, sondern nur die Lust des Augenblickes zu genießen, wird auch beim Playcutting im Gegensatz zu einem Bodymod-Cutting nicht beabsichtigt, eine dauerhafte Schmucknarbe zu erzeugen. Allerdings nehmen einige Playcutting-Liebhaber/innen durchaus das Risiko bleibender Narben in Kauf und oder tragen diese sogar mit Stolz. Aber die Hauptmotivation ist nicht ein modisch-ästhetischer Eingriff, sondern das Auskosten des Gefühls während des Schneide-Prozesses.

Ein solches Cutting innerhalb eines sich an BDSM-Ethiken ausrichtenden Plays ist meiner Erfahrung/Überzeugung nach sehr klar vom selbstverletzenden "Ritzen" von Borderlinern oder anderweitig autoaggressiv handelnden Personen abgrenzbar. Selbst wenn möglicherweise sogar die gleiche Handlung vollzogen wird, geschieht dies im gesunden (= sane) BDSM auf der Basis von gegenseitiger Wertschätzung und Lust/Wohlgefühl/Reflexion, während es im selbstverletzenden Verhalten um die Selbstverachtung, den Selbsthaß oder das Ausleben von Minderwertigkeitsgefühlen geht. Beim BDSM achtet ein/e aufmerksame/r Top auf eine ausreichende Aftercare (= ein liebevolles oder zumindest wohlwollendes "Auffangen"), und BDSM zielt in seiner Gesamtabsicht -vielleicht nicht immer währenddessen, aber zumindest als Sessionresultat- auf angenehme Zustände von Lust, Entspannung, Katharsis, Selbsterkenntnis o.ä. (Das Übertünchen von seelischem Schmerz durch körperliche Einwirkungen oder das Beenden eines Zwangsgefühls durch Ausleben einer Zwangshandlung definiere ich nicht als "angenehme" Handlungsergebnisse, sondern nur als Beendigung oder Linderung von Unerträglichkeitsgefühlen. Meist ist bei selbstverletzenden Motivationen für ein "Ritzen" oder Schneiden das Bilanzgefühl nämlich weiterhin ein "unangenehmes", lediglich ein für den Moment "etwas erträglicheres" Abgeschaltetsein.)

Tackern und Kleben

Vieles, was man mit Nadel und Faden im BDSM erreichen kann, kann man auch mit medizinischen Tackern oder mit medizinischem Hautkleber bewirken. Das liegt ja auch auf der Hand: in der Medizin dient sowohl das chirurgische Nahtmaterial als auch das Tackern/Kleben mit den jeweiligen Utensilien letztlich demselben Zweck der Wundverschließung. Beim BDSM versorgen wir üblicherweise keine Wunden, sondern spielen mit gesunder Haut/Gewebe, die wir nur im Laufe des Plays dann in einvernehmlicher Weise und mit überschaubarem (allerdings stets selbst zu verantwortendem) Risiko lustvoll temporär verletzen bzw. verletzen lassen. Es geht insbesondere normalerweise nicht darum, eine anderweitig verursachte Blutung wirklich stoppen zu müssen (und wer auf solch heiklem Gebiet dennoch erotisch spielen möchte und z.b. erst tiefer schneiden und dann anschließend entsprechend nähen oder kleben oder tackern möchte, sollte einen ausreichend verläßlichen medizinischen Background haben).

Aber genauso, wie das Stechen mit der Nadel bzw. Kanüle eine körperliche Sensation auslöst, tut dies natürlich auch das Tackern bzw. das Kleben. Und um diese Sensation geht es den BDSMer/innen, die mit derartigen Praktiken spielen. Wenn gewährleistet ist, daß die Tops (bzw. ggf. bzgl. der für sie erreichbaren Stellen die Bottoms) gut informiert sind, wie ein Tacker- oder Klebe-Effekt wieder aufgehoben werden kann, sind diese Praktiken ggf. eine reizvolle Alternative zum o.g. Sewing.

Ich bin jedoch mit den Spielarten dieses Abschnitts bislang selbst weder aktiv noch passiv vertraut, während ich bzgl. Nadelungen und Vernähungen und Playcuttings auf etliche -teils wunderschöne- Erfahrungen zurückgreifen kann.

Nageln und Bohren

Ähnlich wie das Tackern und Kleben eine reizvolle Alternative zum Vernähen sein kann, kann das Nageln und Bohren -sofern man sich vorher vernünftig um Sterilität der Werkzeuge kümmert bzw. die Risiken sehr bedacht abwägt- eine reizvolle Alternative zum Stechen mit Nadel bzw. Kanüle sein. Ich habe in einem Gay Club einmal beobachtet, wie jemand mit einem normalen Hammer und frisch aus der Verpackung entnommenen Nägeln einen Hodensack auf ein Holzbrett genagelt bekam, und ich weiß, daß einige Menschen auch z.B. Brustwarzen dementsprechend festnageln. Selbst habe ich dies allerdings weder aktiv noch passiv erlebt.

Was ich hingegen aktiv und passiv aus dem privaten BDSM kenne, ist das Durchstechen bzw. Durchbohren von Haut mit angespitzten Angelhaken (wichtig: ohne Widerhaken!) oder mit Rouladen-Spießen, die jeweils zuvor im Heißluft-Sterilisator aufbereitet worden waren. Derartige Spiele sind letztlich die martialischeren (und riskanteren!) Varianten des oben geschilderten Playpiercings mit medizinischem Einwegmaterial.

Insbesondere eignen sich stabile Haken, wenn sie fachgerecht weder zu tief noch zu oberflächlich gestochen wurden, sogar für eine Hook Suspension (d.h. für eine Aufhängung des ganzen Körpers bzw. einzelner Körperteile an in Piercing-Haken festgemachten Seilen oder Ketten) . Dies habe ich einmal passiv erleben dürfen, es ist in der deutschen BDSM-Szene allerdings kaum verbreitet. Aktiv bin ich dafür definitiv nicht ausreichend medizinisch geschult, denn der/die Top muss sehr genau beurteilen können, wie belastbar das jeweilige Gewebe (hier reicht nicht ein subkutaner Einstich!) an der jeweiligen Körperpartie ist.

Play Tattoos

Bei den Playpiercings und Playcuttings habe ich schon darauf hingewiesen, daß diese im Gegensatz zu Permanent Piercings und Schmuck-Cuttings eben nicht im Hinblick auf ein Endergebnis, sondern mit Focussierung auf den Prozeß an sich ausgeführt werden, welcher aus BDSM-Beweggründen hinaus per se genossen wird. Bei Tattoos ist es ungewöhnlicher, daß jemand diese nur spielerisch auskosten, aber hinterher nicht als dauerhaften Körperschmuck tragen will. Dennoch gibt es diverse Tattoo-Tinten, die tatsächlich nicht für die Ewigkeit gemacht sind und diese eignen sich entsprechend auch für Playtattoo-Sessions. Auch diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht, würde mich aber ggf. gern mit Ihnen gemeinsam (oder für Sie) näher informieren.

Die Beweggründe

Im Folgenden führe ich einige Motivationen für derartige Praktiken im BDSM- und Fetisch-Kontext auf. Sie lassen sich nicht sauber gegeneinander abgrenzen, sondern es gibt vielfache Überlappungen (z.B. Schmerz und Schmerz-Bondage). Und vielleicht finden Sie Ihren eigenen Blickwinkel trotz allem nicht wieder in meinen Betrachtungen: dann würde ich ihre Perspektive aber ebenfalls gerne kennenlernen!

Painplay & Sensual Play

Von der Lust am Painplay (= Schmerzerotik) habe ich auf der entsprechenden Unterseite bereits ausführlich berichtet, und tatsächlich genieße ich selbst die o.g. Praktiken sehr häufig als eine von vielen möglichen sadomasochistischen Spielarten im engeren Sinn.

Selbstverständlich löst auch der Nadel- bzw. Kanülen-Stich, das Einritzen der Haut mit einer Kinge etc. gewisse Schmerzreize aus - und zwar auf eine ganz eigene Art und Weise, die man entweder lieber oder hassen kann; oder auch fürchten und lieben zugleich…

Auch für Sensual Play, also das bewußte / achtsame Wahrnehmen einer (Schmerz- oder sonstigen) Empfindung um ihrer selbst willen bzw. um des Wahrnehmungstrainings willens, eignen sich die verschiedenartigen "Piekse & co." (bzw. "Piekse" in verschiedenen Intensitäten) ganz hervorragend.

Fürsorglichkeit & Body/Mind Sensation Play

Die auf dieser Unterseite aufgeführten Praktiken mögen einigen Menschen ganz besonders "grausam" oder pervers erscheinen. Dem möchte ich entgegenhalten, daß ich insbesondere Playpiercing, Sewing und Playcutting Games oftmals als ganz besonders liebevolle Sessions erlebt und beobachtet habe. Wenn eine solche Session mit Nadeln, egal ob mit oder ohne Faden, oder eine Session mit Klingen nicht zumindest fürsorglich vonstatten gehen würde, könnte sie tatsächlich leicht ins Fahrlässige abrutschen und wäre dann auch nicht mehr mit dem ethischen Grundsatz der Sanity vereinbar- und das wollen weder ich noch diejenigen SM-Menschen, mit denen ich mich privat sowie professionell umgebe. Auch braucht es eine ruhige Hand, mit welcher der/die Top den/die Bottom sehr langsam und nah berührt, und daraus entsteht oftmals eine ganz intime Nähe (wenn es nicht gerade anders herum ist und die bestehende intime Nähe erst die Bereitschaft zur Hingabe in diesen Spielarten geweckt hat). Zumindest gehen die physische Nähe und Ruhe und die emotionale Nähe offenbar eng miteinander einher. Das Setzen der Nadel kann ein symbolischer Akt der Grausamkeit sein - aber bleibt dennoch selbst dann getragen von einer wertschätzenden, vertrauensvollen Basis, die schon vor dem Play geschaffen werden muss.

Ganz hervorragend eignen sich diese Praktiken auch für ein liebevolles Body/Mind Sensation Play, bei dem der/die Bottom ganz bewußt sowohl seine körperlichen als auch emotionalen Reaktionen wahrnimmt und dabei von dem/der Top geleitet/begleitet bzw. geführt wird.

Romantik, Devotion & Fearplay

Gar bis zur romantischen Geste tiefster Hingabe reichen die Gründe der begeisterten Nadelspieler/innen und Playcutters in meinem Umfeld (übrigens überraschenderweise mal mehr Frauen als Männer!).

Teils wird davon gesprochen, daß die Nadel die Haut des/der Passiven "penetriert" oder daß solche Plays nicht nur physisch, sondern auch psychisch "unter die Haut gehen".

Beispielhaft möchte ich aus dem Text "zweifellos" von Chuluk, einer mir persönlich bekannten Autorin, (gekürzt) zitieren, der in der Kurzgeschichtensammlung "augenblicke" vom lesbischen Verlag "Krug & Schadenberg" erschienen ist:

Irgendwann im Spiel unseres Verlangens hast du die Klinge genommen. Für einen kurzen Moment glühen Funken aus Angst auf, ich möchte stammeln, mach nicht zu tief, warte die Sekunden ab, bis mein Blut kommt! Kein Ton dringt mir über die Lippen, die Funken meiner Furcht verglühen schnell. Wie tief ich dir vertraue! Äußerlich ganz ruhig setzt du an meiner linken Brust an, es ist die Brust über dem Herzen, ich sehe zu, wie du die Klinge in einem ersten sauberen Schnitt durch meine Haut ziehst. Noch einmal schießt es mir panisch durch den Kopf, dann höre ich endlich auf zu denken, ein schnittlanger, leicht brennender Schmerz. Mein Blut braucht nicht lange, bis es aus der Linie perlt. Irgendwoher kommt nochmal die Frage, ob du weißt, was es mir bedeutet, und wie aus weiter Ferne höre ich dein Ja. [..] Mein Glaube und mein Vertrauen haben mich längst schon empor- und hineingetragen in Empfindungen von Nähe und Verbindung, ich bin endlich ohne Zweifel, zweifellos, schneide, Geliebte, schneide mich, zeichne mich. Schenke es dir, schenk es mir!

Dein nächster Schnitt, du treibst mich in rückhaltlose Präsenz und weit, weit über mich hinaus, weit über und unter die Hautgrenze, die Schnitte tun es, das Brennen, mein Blut. Unter die Haut gehst du, öffnest, was mich gerade noch zusammenhält, un die Verletzung schenkt mir Verletzlichkeit."

Bei ihr und vielen Gleichgesinnten gilt das nicht nur für Schneidendes, sondern auch für Pieksendes, Stechendes und ggf. Fädelndes - also auch für die hier thematisierten Nadelungen und Vernähungen.

Bondage

Es kann auch eine perfide Form der Bondage sein, einer/einem Bottom eine Zwangsposition aufzuerlegen, die er/sie idealerweise mittels Muskelkraft zu halten hat - aber dies nicht nur als reine Mental Bondage abzuverlangen, sondern darüber hinaus eine Vernähung so vorzunehmen, daß der/diejenige sich selbst wehtut, wenn er/sie in der Körperspannung nachläßt. Ihm/ihr also die Wahl "zwischen Pest und Cholera" zu überlassen und eine Situation zu schaffen, die an die Doublebinds des Mental BDSM erinnert, aber die körperliche Ebene betrifft.

Es können auch in o.g. Weise (als Dilemma) oder als "einfache" Bondage (ohne schmerzhaften Zug am Faden) oder als Schmerz-Bondage (mit permanent schmerzhaftem Zusammenziehen oder Dehnen der Haut) verschiedene Körperteile einer Person unter Spannung zusammengenährt werden, oder die zweier Personen aneinander (Achtung: Safer-Play-Abwägungen sind nötig!). Desgleichen kann eine Person an ein Möbelstück o.ä. (z.B. an einen Bettpfosten oder einen Deckenhaken) genäht werden.

Darüber hinaus können sowohl der Schmerz des Stechens selbst sowie das Dilemma der Zwangspositions-Bondage oder die Schmerz-Bondage natürlich als Strafen angelegt werden, sofern man auf Bestrafungs-Erotik mit Strafschmerzen steht.

Challenge

Von einer Challenge (engl., Herausforderung) im BDSM spreche ich, wenn jemand sich absichtlich mit etwas konfrontiert bzw. konfrontieren läßt, was ihn/sie körperlich und/oder emotional fordert oder gar an/über seine Grenzen bringt (womit es auch zum "Edgeplay" im verbreiteteren Wortsinn wird), und zwar um der Konfrontation willen.

Jede Mutprobe und jedes sportliche Leistungssteigerungs-Training ist ebenfalls eine Challenge, weil auch dabei die Lust am Grenzen-Überwinden oder -Erweitern im Vordergrund steht - nur dass es dann meist keine erotische Lust ist. Zur BDSM-Lust wird es erst, wenn diese Lust (bewußt oder unbewußt) erotisiert oder fetischisiert wird, oder wenn die jeweilige Herausforderung nur oder vor allem dann als lustvoll erlebt wird, wenn sie mit paralleler erotischer Stimulation einhergeht.

Indianische Stämme (sowie möglicherweise auch traditionelle Stämme anderer Kulturen) nutzen oft Schmerz-Praktiken im Allgemeinen und Piercing/Cutting-Praktiken im Speziellen (allerdings dann Permanent Cutting / Permanent Piercing) sowohl bei Initiations-Ritualen als auch zum Erlangen von Transzendenz. Einiges davon hat sich die westliche Piercing/Cutting/Tattoo Szene (ebenfalls v.a. hinsichtlich Permanent Cutting & Piercing) abgeschaut, u.a. gibt es die o.g. Hook Suspensions auch als Bühnen-Events auf Tattoo-Messen, ohne dass sie dort in den Kontext von BDSM gestellt werden, sondern wo sie eher als meditative Selbsterfahrung gelten. Oder als Beweis von Coolness/Härte. Oder als etwas, was ähnlich wie Extremsport einen Adrenalin-Kick auslöst - über die Gemeinsamkeiten vom "Fliegen" beim BDSM und dem Adrenalin-Schub bei Sport siehe auch meinen Blogbeitrag bzgl. Streß.

Blut-Lust

An früherer Stelle hatte ich erwähnt, daß im BDSM meist keine echten Wunden zu versorgen sind. Was aber, wenn man absichtlich so tief schneidet, daß es "richtig schön blutet" und danach tatsächlich genäht (oder getackert / geklebt) werden muss?

Wichtig ist dann natürlich, daß der/die Top seiner/ihrer Sache wirklich sicher ist (bzw. der/die Bottom sich ggf. selbst versorgen kann, d.h. sowohl die Fähigkeit besitzt als auch die Stelle erreicht als auch garantiert nicht in der konkreten Situation "den Kopf verliert").

Ich hatte bislang ein einziges Mal ein wirklich tolles Play mit einem wirklich tiefen Schnitt, und zwar bei einvernehmlich lustvollen Entfernen eines zuvor lediglich pragmatisch-medizinisch eingesetzten Stäbchen-Implantats aus dem Oberarm: die Tatsache, daß dieses ohnehin "fällig" war, habe ich als Anlaß genommen, dies innerhalb der eigenen Spielbeziehung in meinem Studio als BDSM-Handlung zu zelebrieren. Die entsprechende Narbe trage ich in dankbarer und liebevoller Erinnerung.

Aber auch ohne extrem tief (insbesondere mit Skalpellen) zu schneiden, kann man auch die feinen Blutstropfen genießen und regelrecht fetischistisch anhimmeln, die sich entlang eines hauchzarten Ritzers bilden. Oder die bei Playpiercing-Sessions insbesondere beim Herausziehen von Nadeln/Kanülen o.ä. hervorquellen oder -rinnen. Durch eine langsamere Geschwindigkeit der Nadelbewegung sowie durch zusätzliche Querbewegungen ("Rühren") kann die Blutstropfen/rinnsal-Bildung absichtsvoll gefördert werden. Blutfetischist/inn/en, zu denen ich mich auch zähle, können dies teils voyeuristisch bei ihren Playpartner/inne/n genießen oder auch sich an der eigenen Passivität und damit verbundenen Ästhetik erfreuen.

Natürlich gibt es noch andere Varianten des Bloodsports, und Kanülen können in Verbindung mit Spritzen oder Beuteln natürlich auch zur direkten Blutentnahme genutzt werden. Auch dazu bin ich zwar gern (mit dem richtigen Gegenüber, aktiv bzw. passiv) bereit, aber das hat nach meinem Verständnis eine weniger auf den sinnlichen Prozeß konzentrierte Focussierung als die hier vorgestellten Playcuttings, - sewings, -piercings etc.

Übrigens steht nicht jede/r, der/die gern mit Nadeln, Skalpellen etc. spielt, überhaupt auf Blut. Einige Menschen sehen Blut eher als ein notwendiges Begleit-Übel z.B. des gewünschten Schmerz-Effektes (oder eines anderen Aspektes dieser Spielarten) an und bemühen sich daher bestmöglich, die Blutungen möglichst gering zu halten. Lassen Sie uns vorher also darüber sprechen, ob Sie sich an Blut erfreuen oder nicht. Und selbstverständlich ist Safer Play bzw. Risk Awareness wieder ein absolutes Muss. Im folgenden Abschnitt erläutere ich daher einige mir subjektiv wesentlich erscheinende Richtlinien genauer, die ich in den bisherigen Abschnitten nur angedeutet hatte.

Die Sicherheit

Ist das alles nicht furchtbar gefährlich? Und vielleicht auch "Edge Play" in dem Sinn, sich an den Grenzen von "Safety" oder gar "Sanity" zu bewegen? Nun, ich bin ja eine Vertreterin des "risk-aware consensual kink" und halte Spiele mit Nadeln und Klingen nicht generell für "zu gefährlich", aber wie bei allen Praktiken ist es unverzichtbar wichtig, dass man die Risiken der jeweiligen Praktik kennt und das eigene Sicherheitsbedürfnis, die möglichen Maßnahmen zur Risikenreduzierung und den subjektiv zu erwartenden Lustgewinn entsprechend sorgsam gegeneinander abwägt.

Je steriler das Material (oder zumindest: je ausgeschlossener eine Kontamination), je erfahrener die beteiligten Spieler/innen und je konsequenter das Safer Play und je belastbarer die gewählte Körperregion, desto geringer die Gefahren.

Steriles medizinisches Einmalmaterial ist sicherlich im Hinblick auf die Risikenreduzierung stets das Beste. Wiederverwendbares Material muss gründlich sterilisiert werden - bei Metall geht das dankbarerweise gut im Heißluftsterilisator. Zweckentfremdete Stech-Utensilien wie die o.g. Rouladen-Nadeln oder Nägel oder normale Nähnadeln/Sicherheitsnadeln waren vermutlich noch nicht mit potentiell infektiösem Blut in Berührung, wenn sie frisch aus der Packung genommen werden - ich würde sie trotzdem nochmal in den Steri legen. Gleiches empfehle ich nach Möglichkeit für anzunähende Accessoires wie Knöpfe etc.

Dass der aktive Part Einmal-Handschuhe aus Latex, Vinyl oder PVC trägt, ist bei Safer Play ja sowieso ein Muß, und das gilt selbstverständlich insbesondere, wenn etwas bluten kann - was es bei all den o.g. Praktiken wird. Je nachdem, ob man das Bluten bewußt provoziert oder eher geringzuhalten versucht, blutet es lediglich wunschgemäß stärker oder schwächer. - Je erfahrerener der aktive Part, desto unwahrscheinlicher die Gefahr, den Handschuh versehentlich zu durchstechen. Wenn es doch passiert, sollte ein schnelles Wechseln eine Selbstverständlichkeit sein. Auch ist die zu behandelnde Hautpartie natürlich vor/nach dem Eingriff sinnvoll zu desinfizieren, und der Kontakt mit Fremdblut auf der ungeschützten Haut (z.B. durch Blutspritzer) zu vermeiden, um Infektionsübertragungen zu vermindern.

Werden beim Sewing die Körperpartien von zwei Menschen aneinander genäht, kann das bei Benutzung eines gemeinsamen Fadens natürlich nicht safe bleiben. Es sollte daher mit Einzelfäden gearbeitet werden, die erst anschließend mit (gemäß subjektiver, eigenverantwortlicher Abschätzung) ausreichendem Abstand z.B. via Nahtbesteck verknotet werden.

Werden beim Sewing Körperpartien von Menschen an z.B. Möbel angenäht, empfiehlt es sich darauf zu achten, daß die Möbel zuvor gründlich desinfiziert wurden.

Wichtig ist, daß keine Adern verletzt werden, die zu einer unstillbaren Blutung führen. Auch dürfen Sie keine Erkrankung haben, die Blutungen generell unstillbar macht - also dürfen Sie insbesondere kein/e Bluter/in sein, also nicht an Hämophilie leiden. Dringende Vorsicht ist auch geboten nach Einnahme von blutverdünnenden Mitteln, und sei es nur eine entsprechende Kopfschmerztablette. Meist wird generell bestmöglich vermieden, durch blutführende Gefäße zu stechen - der/die Top schaut idealerweise bei gutem Licht sehr genau hin, bevor er/sie schneidet/sticht etc. Sofern doch im Sinne des RACKexplizit beschlossen wird, auch absichtlich extrem blutdurchströmte Körperteile zu durchstechen o.ä., z.b. den Eichelkranz zu nadeln, sollten alle Beteiligten sehr gut wissen, dass es dann ggf. entsprechend lang und heftig blutet.

Wenn die o.g. Richtlinien sowie die RACK-Ethik beachtet werden, lasse ich mich herzlich gern mit dem richtigen(!) Gegenüber auf entsprechende Aktivitäten (und Passivitäten) ein. Ggf. bestehe ich im Vorfeld auf einem Plauderdate, um die eine ausreichende Vertrauensbasis zu etablieren bzw. deren Annahme zu überprüfen.

Die Komplizin & der Gyndoc

Eine gute Freundin von mir, die ebenfalls private BDSM-Switch ist und auch gelegentlich gern als selbständige Escort-Lady nebenberuflich in professionellen Sessions mitwirkt, steht übrigens auch auf die auf dieser Seite vorgestellten "bizarren" Praktiken (sowie auf weiteres Clinic-Play und Pain-Play). Im Rahmen einer Sonderplanung können wir ggf. eine Session zu dritt realisieren. Es ist in einem solchen Setting auch möglich, daß Sie einfach nur zusehen, wie wir uns gegenseitig bespielen. Auch können wir gemeinsam Singles oder Paare bzgl. dieser und benachbarter Praktiken nach unserem eigenen besten Wissen und Gewissen anleiten - eine von uns wäre dann z.B. Ihre Lehrerin, die andere Ihr (im Rahmen der vorbesprochenen Grenzen) bereitwilliges Übungsopfer.

Ein mit mir kooperierender Arzt kann ggf. (natürlich ebenfalls nur noch gründlichster Vorabstimmung im Sinne von RACK) als kink-aware professional noch einige Schritte weiter gehen als ich/wir und Ihnen sowohl hinsichtlich permanenten Körperschmucks als auch hinsichtlich diverser Bodymod-Eingriffe individuelle Wünsche erfüllen. Dies kann -ebenfalls als Sonderplanung- in eine gemeinsame Session eingebunden werden, wobei ich nach Absprache wahlweise Co-Top oder Assistentin oder Passiva sein kann.


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