BlogReflexionen

Irrungen und Wirrungen rund um Gesprächstechniken

Was hat solch ein Thema auf einer Domina-Webseite zu suchen? Nun, in meiner Beschäftigung rund um BDSM im weiteren Sinn befasse ich mich auch viel mit nicht-normativen Sexualitäten und Identitäten. Und viele Menschen, die dies ebenfalls tun, insbesondere solche mit traumatischer Mißbrauchs-Vergangenheit oder anderweitigen Abwertungs-Erfahrungen, erleben eine Selbstaufwertung, -findung und -bewußtwerdung erst mithilfe von Strategien, welche zum Beispiel die Gewaltfreie Kommunikation (kurz: GfK) oder die SET-Kommunikation (Support, Empathy, Truth) lehren. In gewissen Kontexten wird sogar erwartet, dass jedes Gespräch nach solchen Mustern aufgebaut ist. Doch wo viele nur das Licht erblicken, entdecke ich leider auch Schattenseiten.

Gewaltfrei oder passiv-aggressiv?

"Gewaltfreie Kommunikation ist passiv-aggressive Gewalt". Diesen Satz tippte ich kürzlich völlig frustriert in eine SMS an einen guten Freund. Das ist natürlich eine provokante These. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass Methoden gewaltfreier Kommunikation passiv-aggressiv mißbraucht werden können, und dies in gewissen Kreisen meiner Ansicht nach leider auch häufig werden.

An der Grundidee der GfK von sachlicher und direkter Beschreibung von Beobachtung, Empfindung, Bedürfnis und Wunsch ist natürlich nichts auszusetzen, im Gegenteil praktiziere ich diese nach Möglichkeit selbst und habe dies auch schon getan, bevor ich GfK überhaupt kennenlernte. Ich nenne dies einfach "mich erstmal selbst analysieren". Und anschließend bzw. währenddessen bemühe ich mich um Vermittlung meiner Resultate, inclusive eventueller entdeckter innerer Ambivalenzen, so aufrichtig wie möglich. Und so offen wie möglich dafür, mich auch direkt und sachlich auf Logikfehler hinweisen zu lassen. Aus solchen Selbstentdeckungen bzw. Fremdhinweisen ggf. gewonnene Erkenntnisse haben mir bereits zum Überdenken und anschließenden Verändern von unstimmigem Verhalten wesentlich geholfen.

Leider mißbilligen viele GfK-ler/innen meine Herangehensweise, weil ich z.B. in härterem Tonfall rede oder weil sie um Direktheit bemüht sind und diese einfordern, diese aber selbst weder bieten noch ihr standhalten können. Und genau in dieser Diskrepanz wird es teilweise wirklich schräg, weil alle glauben, vorgeben oder erwarten, dass direkt und sachlich kommuniziert würde, dies aber dann häufig "hintenrum" noch indirekter als die ursprünglich -oft anerzogene- verblümte Sprache (passive Kommunikation) ist. Die ursprünglichen Verhaltens- und Denkweisen wirken eben doch noch weiter, nun allerdings "heimlich", oftmals unbewußter. Dadurch wird aus passiver Kommunikation dann sehr leicht passiv-aggressive Anschuldigung.

Was gab mir heute den Anschubser für diesen Text?

Ich schreibe meine Überlegungen rund um systematisches Mißverstehen heute nieder, weil ich gerade vom Poly-Treffen komme und wir dort heute das siebte Kapitel von "More than two" behandelt haben, welches sich mit Kommunikationsstrategien in Beziehungskonstellationen befasst.

Aber auch deshalb, weil betrüblicherweise erst kürzlich eine Freundschaft am grundsätzlich unterschiedlichen Umgang mit Konflikt-Situationen zerbrochen ist: es scheiterte letztlich daran, dass ich Konflikte austragen und dabei ihre und meine jeweiligen Beweggründe auch detailliert analysieren und hinterfragen wollte, während meine Freundin Lydia nicht nur eine indirektere (passivere) Sprachkultur als ich pflegte, sondern am liebsten jegliche Auseinandersetzung gänzlich vermeiden bzw. die Probleme "aussitzen" oder "todschweigen" wollte.

Desweiteren beschäftige ich mich mit Kommunikations-Mißverständnissen und deren oft mühsamer, aber lohnenswerter, Auflösung auch bereits seit anderthalb Jahren immer wieder deshalb, weil mein Partner Markus und ich ständig über seine "Blumensprache" und meinen "Direktsprech" stolperten und dies auch immer noch hin und wieder tun, aber inzwischen beide schon verdammt viel dazugelernt haben. - Insbesondere mußten wir viele Worte tatsächlich neu füreinander definieren, unser jeweiliges Referenzsystem dem/der anderen transparent machen: Was verstehen wir unter Wörtern wie "wollen", "wünschen", "lieben", "müssen", "dürfen", "bitten"? Was ist unsere jeweilige Assoziation dabei?

Immer wieder zeigt sich, wie stark wir da jeweils von unseren Herkunftsfamilien (oder anderen wichtigen Bezugspersonen und -gruppen unserer Entwicklung) geprägt sind, je nachdem, mit welchen Bedeutungen und Nebenbedeutungen die jeweiligen Wörter von den dortigen Personen üblicherweise belegt wurden, welche Erwartungen daran geknüpft waren, wieviel freie Entwicklung uns zugestanden oder wieviel Gehorsam uns abverlangt wurde etc.

Schon seit meinen diversen Coming-Outs hatte ich in unterschiedlichen Subkultur-Gruppen (überwiegend in der Lesben-Szene, Tantra-Szene sowie Poly-Szene) immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die sich (oftmals indirekt) regelrecht rühmen, GfK zu praktizieren - und bei denen ich mich immer wieder ausgeschlossen fühlte, obwohl genau diese Menschen mir in säuselndem Tonfall erklärten, dass "jede/r willkommen sei … solange er/sie 'passe' … " und mir dann in derselben angeblichen Freundlichkeit etwas erklärten, was in eine "Schnoddersprache" übersetzt wohl einfach "Verpiß dich, du Arschloch" heißen würde. - Beides, "Blumensprache" und "Schnoddersprache", sind Schutzsprachen. In beiden Sprechweisen benennen wir nicht wirklich direkt, offen, ehrlich und selbstbewußt alle unsere wahren Gefühle. In beiden Sprachfacetten schirmen wir diese wohlmöglich von uns ab.

Lange habe ich nicht verstanden, woran es liegt, dass die oft "lieb" wirkenden Menschen mich so sehr verletzen und treffen konnten. Denn die in ihren Worten zuvor getroffenen Aussagen, dass "die Vielfalt die Gruppe bereichere" bzw. "mein Elan die Beziehung bereichere", hatte ich bis dato ernstgenommen und teils sogar recht defensiv (für meine Verhältnisse, in meiner Glasglocke, gemäß meiner Schutzsprache) diverse Vorschläge in beziehungs/gruppenbereichernd guter, aber mißverstandener Absicht, eingebracht.

Diskrepanzen zwischen idealer & praktischer GfK erzeugen Doublebinds

Gestern habe ich also nun dieses Kapitel "Communication strategies" durchgelesen, was mir -zusammen mit der Diskussion darüber- einiges an Erleuchtung gebracht hat. Viele der Mißverständnisse, wie Markus und ich (und sicherlich auch viele andere Menschen) sie mit "Direktsprech" und "Blumensprache" hatten/haben, könnten durch tatsächlich praktizierte GfK wohl wirklich aufgelöst werden - aber die Gruppe derjenigen Menschen, die GfK-Workshops üblicherweise besucht, ist offenbar genau die Gruppe von (oft weiblich sozialisierten) Menschen, die ursprünglich noch passiver und indirekter kommunizierte als mein Freund (bzw. als die meisten männlich sozialisierten Menschen). Und wenn diese nun versuchen, GfK zu praktizieren und zum Beispiel klare Selbstaussagen zu treffen, entsteht offenbar oft eine erneute, noch schwieriger zu erkennende, Indirektheit.

GfK sollte bedeuten, sachlich zu schildern, was man beobachtet, fühlt, braucht bzw. sich wünscht. Dann sollte das Gegenüber auch seine Situation darlegen dürfen und gemeinsam ein "Wie" für den weiteren Umgang gefunden werden. - Wer aber bislang nicht gelernt hat, seine eigenen Wünsche auszudrücken, den ermutigt die GfK zumindest zu den Formulierungen "ich möchte" oder "ich möchte nicht". Obwohl dort allerdings betont wird, dass ein Wunsch KEINE Forderung darstellt, erwarten (meiner subjektiven Erfahrung nach) die frischgebackenen Workshop-Absolvent/inn/en oft, dass ihr Mut zum Wunsch nun auch durch Erfüllung gewürdigt werden müsse, weil es doch für sie so ein großer Schritt war, sich überhaupt zu ihren Sehnsüchten oder Bedürfnissen zu bekennen - und dass z.B. solch ein "ich möchte nicht" zwangsläufig auch somit per se ein Veto für die ganze Gruppe sein müsse. Die Suche nach einem beidseitig bzw. allseitig akzeptablen "Wie", wie es die GfK eigentlich vorgibt, geschieht dann nicht mehr, und stattdessen wird "ich möchte nicht", oft in sehr leisem Ton vorgetragen, zu einer mächtigen Waffe, alles lahmzulegen. Und dies eben nicht immer, aber oft, in letztlich passiv-aggressiver Weise. (Vermehrt wird insbesondere auch mit dem Wörtchen "nicht" recht stur einfach drauflos blockiert, anstatt konstruktiv mit "ich möchte - wie?" etwas gemeinsam aufzubauen.)

Gleichgesinnt von der einen indirekten Sprechweise zur anderen, vornehmlich direkteren aber de facto noch indirekteren, Sprechweise wechselnde Menschen, die solch einen Kurs besucht haben, fördern einander gegenseitig durch ein neues Gefühl von Freiheit. Allerdings bleibt dabei oft die Fairness auf der Strecke, sondern es entsteht lediglich ein neues gemeinsames "Blumengefühl". Platt gesagt: innerhalb einer Selbsthilfe-Gruppe oder einer Selbsthilfegruppen-Subkultur funktioniert u.U. für alle Menschen mit derselben Ausgangssituation die neue Sprachweise nicht schlechter als die alte. Für Personen, die vorab schon direkten Ausdruck favorisierten und als Kommunikationsmedium (nach Luhmann) "Wahrheit" idealisierten, wird es nun aber - wenn sie die verborgene Dynamik nicht durchschauen- völlig unüberschaubar und jedes naive Vertrauen in Direktheit wird zum Fallstrick. - Zur Erläuterung: Der Soziologe Luhmann vertritt im Buch "Liebe - Eine Übung" wie viele Vertreter/innen des radikalen Konstruktivismus die Ansicht, dass die Realität zu komplex sei, um sie völlig zu verarbeiten, und dass wir daher immer eine Selektion vornehmen müssen. Diese wiederum wird durch ein Medium motiviert. Ist beispielsweise "Liebe" das Medium, dann wird unsere Sicht auf das Leben durch die "rosarote Brille" gefiltert. Entsprechend können auch z.B. "Wahrheit" oder "Macht" entsprechende Medien sein, die bestimmte Selektionen motivieren.

Vor Jahren las meine Mutter das Buch "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus". Dort wird u.a. behauptet, dass Männer direkter und Frauen indirekter kommunizieren. Auch oben habe ich schon meine Beobachtung kundgetan, dass weiblich sozialisierte Menschen andere Sprachgewohnheiten haben als männlich sozialisierte Menschen. (Eine Frau ist dann "weiblich sozialisiert", wenn ihr anerzogen wurde, was man "als Frau tut" und "nicht tut". Entsprechendes gilt für "männlich sozialisierte" Männer. Eine Frau ist dann männlich sozialisiert, wenn ihr -absichtlich oder eher durch Zufall- die Werte in der Erziehung nahegebracht wurden, die in der jeweiligen Gesellschaft eigentlich üblicherweise Männern zugeschrieben werden. Wenn ein Mädchen zum Beispiel "wie ein Junge" aufwächst.) Vermutlich bin ich tatsächlich eher männlich sozialisiert, dominant in meiner Erziehung waren mein Großvater und mein Stiefvater, die sich selbst keine Schwächen gönnten und auch mir keine zugestanden. Habe ich geweint, wurde ich auf mein Zimmer geschickt, bis man "wieder vernünftig mit mir sprechen konnte". Sie waren hart gegen sich selbst und lehrten mich auch, dass "Rationalität weit über Emotionalität" stünde. Inzwischen suche ich mehr die Balance. Aber in meiner Sprache ist gewiß der Hang zur Direktheit bis gar zur teilweise auch schnoddrigen Härte kein Zufall. Zumindest die Direktheit sollte aber im Gesprächskontakt mit Gfk-ler/innen kein Problem darstellen.

Wenn ich als (von Haus aus entsprechend erzogene) Direktsprecherin allerdings beispielsweise "ich möchte" oder "ich möchte nicht" äußere und es genauso verstehe, wie es laut GfK zu verstehen sein sollte, nämlich als Mitteilung eines Bedürfnisses und eben nicht als Forderung (denn wollte ich fordern, würde ich "ich erwarte" oder "ich verlange" sagen, oder auch einfach "du solltest"), dann wird mir trotzdem eine fordernde Nebenbedeutung unterstellt, weil die "typischen" GfK-Geschulten eben jene sind, die sich aufgrund ihrer passiven Sprachgewohnheiten überhaupt nicht vorstellen können, dass jemand "so etwas" wirklich auch direkt aussprechen würde. (Dafür scheint es auch kein GfK-Modul zu geben.) Die Kurse lehren, dass man direkt sprechen soll, aber viele der Sprecher/innen überziehen dies dann selbst und erwarten weitaus mehr, als sie tatsächlich in Worten ausdrücken, und unterstellen ihrerseits dann denen, die schon vorher direktes Ansprechen von Wünschen und Bedürfnissen und Forderungen gewohnt waren, dass sie dies ebenfalls in gleicher Weise täten. Und daher kommt der Eindruck des Überfordert-Seins/Werdens, und ein erneutes Bedürfnis, sich mit einem weiteren "nicht" abzugrenzen bzw. das Gegenüber regelrecht auszubooten, loszuwerden.

Ein entsprechendes "Licht" ging mir zumindest auf, weil die Lektüre des Kapitels immer wieder Empfehlungen (die mich denken ließen: "Aber das tue ich doch schon") neben das Passive stellten (was zunächst dort nicht passiv-aggressiv war, aber mich doch oft überraschte: "Wie - so etwas denken Leute, wenn sie xyz sagen???"). Im Nachhinein machte mir dies einige der Hürden im Umgang mit Lydia und Markus klarer!

Liebe oder Wahrheit?

GfK-ler/innen geben sich oft den Anschein, eine Sprache der Liebe zu sprechen. Dazu paßt auch der weiche Tonfall, den ich allerdings inzwischen instinktiv auf's Unangenehmste mit (Selbst-)Verlogenheit assoziiere. Denn durch die allzu oft erlebte passiv-aggressive Blockade-Haltung wird keinerlei Liebe spürbar, und viele Sprecher/innen belügen sich selbst, wenn sie ihre nunmehr tatsächlichen Forderungen (die sie keiner Hinterfragung mehr unterziehen wollen!) weiterhin durch den Begriff "Wunsch" tarnen. - Laut Buchkapitel besteht der Unterschied zwischen Forderung und Wunsch v.a. darin, dass im erstgenannten Fall kein "Nein" mehr akzeptiert wird, während an einen Wunsch lediglich eine wesentlich offenere Unterstützungsbitte mit Bereitschaft zu gemeinsamer Lösungssuche geknüpft ist.

An Wahrheit/Wahrhaftigkeit werde ich wohl auch fortan als Idealwert (und somit bevorzugtes Kommunikationsmedium) stets festhalten - selbst wenn auch ich natürlich dabei nicht vor'm Straucheln gefeit bin und sicherlich Fehler mache. (Die SET-Kommunikation kommt mir insofern entgegen, weil Support = Unterstützung und Empathy=Mitgefühl wohl dem Kommunikationsmedium "Liebe" entsprechen, dann aber in der Hauptaussage Truth=Wahrheit doch das Medium noch entsprechend gewechselt wird. Ich gelange zu der Überzeugung, dass jede gute Kommunikations-Strategie auch einen entsprechenden Medienwechsel einbeziehen bzw. um diese erweitert werden sollte.) - Ich stelle fest, dass ich einen härteren Ton mit Wahrheit assoziiere - oder zumindest dem Bestreben nach Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Fairness, und insofern auch gewisser Selbstdisziplin. Mir ist es angenehmer, wenn jemand so spricht.

Als Lydia sich von mir trennte, betonte sie, dass sie "klar und deutlich" gewisse Bedürfnisse geäußert hatte. Ich konnte mich daran erinnern, mit welchen Worten sie dies versucht hatte, und daran gab es tatsächlich nichts zu rütteln. Dennoch waren weder Klarheit noch Deutlichkeit bei mir angekommen. Ich hatte eine doppelte Botschaft (Doublebind) verspürt, weil ihr fragender Ton und ihr warmer Blick und ihre unsichere Körperhaltung überhaupt nicht dazu paßten. Zudem hatte ich gegenläufige Beteuerungen aus früheren Gesprächen im Kopf. Sie vermittelte mir einen (nicht als Ambivalenz ehrlich kommunizieren) Widerspruch.

Dass es auch in meinen Aussagen durchaus derartige Dissonanzen zwischen Ton und Inhalt gibt, oder zwischen Lautstärke und Inhalt, hat mir heute eine Frau aus der Gesprächunde aufgezeigt. Was ich Lydia vorwerfe, wenn sie etwas klarstellen möchte und sich unklar präsentiert, passiert bei mir als "Schnoddertussi" manchmal, wenn ich zwar emotional und empathisch etc. bin/fühle, aber (um der Wahrheit Ausdruck zu verleihen, oder auch aus emotionaler Erregung heraus) nicht so klinge.

Männer kommen mit meinem "Direktsprech" und auch mit meinen Tonfällen häufig sehr gut klar. Naturwissenschaftler/innen beiderlei Geschlechts auch. Die Personen, die typischerweise GfK-Workshops besuchen, und die oft offenbar häufig Frauen (oder weiblich sozialisierte Männer) mit ohnehin bereits "angeknackstem" Selbstbewußtsein sind, fühlen sich davon allerdings schnell bedroht. Und lesen dann nicht nur in die Aussage, sondern auch in den Ton etwas hinein und/oder werden davon getriggert - haben aber umgekehrt oft kein Verständnis, dass auch ich mit Passiv-Kommunikation oder gar Passiv-Aggressiv-Kommunikation schlechte Erfahrungen habe, gewisse Formulierungen oder Tonfälle auch mich "triggern" können und ich in gewisser Weise ebenso verletzbar bin wie sie.

Lücken schließen

Sofern Sie sich übrigens bei den "Blumensprachlern" wiederfinden und daher in unserem eventuellen Kontakt "typische" Probleme auftreten könnten, müssen wir einfach mit besonderer Bewußtheit herangehen. Und öfters mal eine Übersetzungsleistung von der einen Sprache in die andere vornehmen, bzw. unser jeweiliges Referenzsystem miteinander abgleichen.

Im Buchkapitel hat mir gefallen, dass dort betont wird, dass niemand alles richtig machen kann. Aber dass Kommunikationsgeschick ständig verbessert werden kann und sollte.

Eine Gesprächsteilnehmerin hat allerdings die These in den Raum gestellt, dass manche "Kommunikationstypen" grundsätzlich inkompatibel seien. Ich glaube eigentlich, dass man mit genug(!) Geduld immer die Übersetzung in verschiedene Kommunikationsweisen erlernen und Begrifflichkeiten definieren bzw. referenzieren kann/könnte und dass lediglich das Sprechen-Wollen mit dem Totschweigen-Wollen wirklich per se inkompatibel zu sein scheinen …

Für mich ist wichtig, dass wir uns um gegenseitige Fairness bemühen. Innerhalb enger Beziehung schlagen oft emotionale Wellen besonders hoch und da wird es manchmal sehr schwierig, aber nicht unmöglich. Ich halte es mit Arthur L. Williams: "I'm not telling you it's going to be easy. I'm telling you it's going to be worth it." (Ich sage nicht, dass es leicht wird. Aber dass es es wert ist.)

Im Buchungskontext eines Plauderdates kann ich mich ggf. noch deutlich stärker auf Sie fokussieren. Ich habe, wenn ich mir dies vornehme, eine gute professionelle Distanz, bin aber auch gerne "emotional durchlässig". Gerade durch BDSM und insbesondere wohl auch durch die emotionale Fokussierung im Sensual Play und Mind Play habe ich auch hier inzwischen eine authentische Intensität erreicht, die es wohl im professionellen (und evtl. auch im privaten) Rahmen eher selten geben dürfte. Gerne finde ich mit Ihnen gemeinsam heraus, wo es mehr "Herz" und wo mehr "Hirn" braucht, mehr "Liebe" oder mehr "Wahrheit", mehr "Analyse" oder mehr "Mitgefühl". Vielleicht verstehe ich Sie gut, weil ich sowieso Ihre Sprache spreche. Oder vielleicht ergänze ich Sie gut, weil ich eventuelle Logikfehler aufspüre oder kritische Fragen stelle, die Ihrer Selbstanalyse helfen - und weil Sie mich mit der Bereitschaft aufsuchen, mit mir darüber reden zu wollen.

Was denken Sie?

Es würde mich nicht wundern, wenn ich mit diesen Überlegungen einige Gemüter aufgewühlt habe. Noch immer habe ich nicht alles aufgeschrieben, was mich bewegt bzw. was ich in Konflikten gelernt zu haben glaube, was meine Überzeugungen sind und woher ich diese (Familie, Subkulturen, Lektüre, Fortbildungen etc.) gewonnen habe. Dennoch möchte ich an dieser Stelle diesen vielleicht strittigen Text erst einmal beenden - schreiben Sie mich gerne an mit Kommentaren, Widersprüchen, Ergänzungen…

Nachtrag

Zwischenzeitlich hat mich eine Freundin auf die Texte "Die Schattenseiten des Rosenberg-Modells" und "Typische Mißverständnisse über die Gewaltfreie Kommunikation" hingewiesen - dort wird vieles aufgegriffen, was ich instinktiv bekrittelt habe.

Auch das Buch "Das hab ich nicht gesagt" von Deborah Tannen enthüllte mir (leider zu spät) viele der Kommunikations-Mißverständnisse, die unterschiedlichen Gesprächsstilen zugrunde liegen - offenbar hatten Lydia und ich solch unterschiedliche Gesprächsstile bereits vor ihrer Kontaktaufnahme mit dem GfK-Konzept, und statt die Diskrepanzen beheben zu können, wurden diese nun nur deutlicher.

Tannen geht davon aus, dass viele Menschen in Andeutungen sprechen und entsprechende Andeutungen auch bei ihren Gesprächspartner/inn/en erwarten - nicht nur, wenn das Gegenüber (möglichst) auf Andeutungen verzichtet, sondern auch dann, wenn einfach ein anderer Andeutungs-Stil gepflegt wird, scheitern sowohl öffentliche als auch private Gespräche. Und Tannen geht auch davon aus, dass man nicht einfach direkt und offen miteinander reden kann, sondern sich auch über die Offenheit bewußt verständigt haben muss. Nun, das hatten wir nicht in diesem Bewußtseins-Grad. Schade. -

Aber inzwischen fühle ich mich zumindest wieder "normaler", da die Fettnäpfe, in die in manchen Umfeldern nur ich zu tappen scheine, offenbar doch auch für viele andere Menschen keineswegs offensichtlicher als für mich sind. Ich werde noch weitere Tannen-Bücher lesen, da ich sie gerade aufschlußreicher als die GfK-Lektüre (oder GfK-Kritiken) finde…

Und noch ein Nachtrag: Was ist Liebe?

Rosenberg unterscheidet in (egoistische, aggressive) Wolfs-Sprache und (gewaltfreie) Giraffensprache. Manche GfK-ler/innen geben zu, dass "Babygiraffen" manchmal noch typische Denkfehler machen und dann eben dabei das herauskommt, was ich auch kritisiere: keine offene Aggression, sondern passive Aggressivität.

Ich mag die Bezeichnung "Wolfs-Sprache" nicht - wer mir in oft abwertendem Tonfall "Wolfs-Gebaren" unterstellte, schien selbständiges Denken, Kritik an Unlogik und oft auch Unabhängigkeit und Freiheit zusammen über einen Haufen zu werfen als etwas "Schlechtes".

Das folgende Video gefällt mir aber sehr gut:

Hierin geht es meinem Empfinden nach jedoch nicht um typische Wolfs- oder Giraffen-Eigenschaften, sondern einfach um die Unpräsizion einzelner Worte, in dem Fall des Wortes "Liebe".

Auch als "Wolf" finde ich es wichtig, Begrifflichkeiten klar festzulegen.


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