BlogReflexionen

Interview: Sexualbegleitung - Prostitution - Kreative Erotik

Das folgende Interview habe ich einer Studentin der Erziehungswissenschaften für ihre Master-Arbeit gegeben, deren Titel lautete:

Sexualbegleitung für Menschen "mit Behinderung":
Zwischenformen zwischen sexueller Integration und Sonderbehandlung

Wie bist du dazu gekommen, dich selbständig zu machen mit einem Studio?

Als ich 21 war, also 1997, hatte ich mein privates SM-Coming-Out. Vorher hatte ich mich als bisexuell bezeichnet, war aber weder mit Frauen noch mit Männern wirklich glücklich. Dann habe ich eine SM-Lesbe kennengelernt, das war toll. Also hatte ich fortan die Schublade "SM-Lesbe" für mich gefunden und dachte erstmal: Ich bin da angekommen, wo ich hin will.

Ich wohnte in Heidelberg, habe dort Physik studiert. Und bin immer nach Berlin gefahren, um zur Berliner SM-Lesben-Szene zu kommen. Deshalb wollte ich dann auch unbedingt nach Berlin ziehen, und als ich eine Doktorarbeit angefangen habe, habe ich ich nicht die beste Doktorarbeit, die ich finden konnte, sondern irgendeine Doktorarbeit in Berlin gesucht. Das war karrieremäßig nicht vorteilhaft.

In Berlin habe ich im Stadtmagazin gelesen, dass ein SM-Studio noch Mitarbeiterinnen auf Terminbasis sucht, beispielsweise ein Tag/Woche. Domina-Anfängerinnen würden angelernt. Ich dachte: "Es klingt spannend und Nebenjobs, bei denen ich noch etwas lernen kann, finde ich sowieso toll."

Also habe ich mich bei dem Studio beworben und war dann etwas frustriert, weil das dann dort ganz anders ablief als der private SM, den ich vorher gekannt hab. Und irgendwann hab ich mir dann, nachdem ich eine Zeit lang in dem Studio gejobbt hatte, auch andere Studios angeguckt. Dabei fand ich ziemlich viel ziemlich doof und habe mir dann überlegt: "Wie müßte es denn sein, damit ich es nicht doof finde?"

Und habe versucht, damit etwas Eigenes anzufangen. Ein "Versuch" war es insofern, dass mir ganz viele Leute gesagt haben, das es so nicht klappen könne. Ich hab mir gedacht: "Ich versuche es trotzdem, und wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht. Aber so, wie es jetzt ist, will ich es auch nicht weitermachen."

Du siehst: Es hat geklappt - es gibt mich ja immer noch!

Ja - sehr schön. Wer zählt denn zu deinem grundsätzlichen Klientel? Was sind das für Leute, die hierher kommen?

Das sind hauptsächlich Leute, die im Internet nach dem Begriff "Domina" suchen oder nach irgendwelchen einzelnen Praktiken. Sie stolpern dabei auf meine Seite und stellen fest, dass die anders ist als andere Domina-Seiten. Meine typischen Kunden sind eher solche, die zwar schon immer nach einer Domina gesucht haben, aber sich nie getraut haben, hinzugehen. Also totale Anfänger, die sagen "Ich gucke mir seit Jahren Webseiten an, aber deine spricht mich endlich so an, dass ich mich mal traue."

Es gibt auch Leute, die vor vielen Jahren schon mal ganz viele Studios aufgesucht haben und dann frustriert davon waren und es daher lang nicht mehr getan haben, und die dann sagen: "Okay, aber deine Seite spricht mich so an, dass ich es nochmal versuche."

Oder Leute, die mit Mainstream-Dominas nicht viel anfangen können und bis vor kurzem auch eine untypische Domina hatten, diese aber aus irgendeinem Grund nicht mehr haben: weggezogen, zerstritten, sonst was. Und die jetzt halt wieder eine ungewöhnliche Domina suchen.

Was unterscheidet deine dich und deine Seite denn von anderen? Also, ich habe mir deine Seite natürlich auch durchgelesen und es war auch erstmal so ein Wow-Effekt, weil das ja schon etwas anderes ist als das, was ich sonst so im Internet gefunden habe. Was glaubst du selbst: Was macht das Essentielle aus, was dich so besonders macht, was dich von den anderen abhebt?

Ich hatte bereits eine ziemlich klare Vorstellung davon, was guter SM ist, als ich von der privaten Szene in das erste Studio gekommen bin. Mit "privater Szene" meine ich die lesbische Berliner SM-Szene, von der ich geprägt man. Man kann nicht sagen, das ist "die" SM-Szene.

SM-Lesben reflektieren unheimlich viel, ich würde sagen: mehr als die heterosexuelle SM-Szene oder die schwule SM-Szene. Ich bin SM-mäßig mit Workshops aufgewachsen, wo wir auch diskutiert haben, welche Fantasien man gelichzeitig haben darf, wenn man auch Feministin sein will. Oder wie eine Fantasie moralisch vertretbar ist. Wie wir es machen können, dass es ganz sicher für alle Beteiligten ist und nur ja nicht zu uneinvernehmlicher "Gewalt" kommt. Wir haben ganz viel Theorie-Background gehabt zu allem, ich glaube, mehr als andere Szenen.

Als ich dann in dem besagten Studio die angebliche "Domina-Ausbildung" gemacht habe, lief ganz viel nach dem Motto: "Ja, die wollen das doch alle so, das macht man so. Warum? Weil die das alle so wollen." - Und ich war dann da und dachte: "Huch, ich kenne massenweise Leute, die das anders wollen."

In der privaten lesbischen SM-Szene hatte ich gelernt, dass man vor jeder Session eine ausführliche Vorverhandlung führen muss. Also, ich kenne "Vorgespräch" unter dem Begriff "Vorverhandlung" bzw. "Pre-Negotiation". Vor wirklich jeder Session, die ich mit einer Frau in der privaten lesbischen SM-Szene mache, setze ich mich erstmal hin und rede mindestens eine halbe Stunde. In den SM-Studios ist das aber ganz unüblich. Aber jetzt mache ich das eben auch mit meiner Kundschaft, nicht unbedingt als Gespräch hier vor Ort, aber per Email kläre ich unheimlich viel vorher. Und wenn jemand sagt: "Ich will die xyz-Praktik haben", dann frage ich nach: "Warum willst du denn die xyz-Praktik haben?"

Das finde ich wichtig, weil man dieselbe Sache aus ganz unterschiedlichen Gründen haben können will. Es steht auch oft auf meiner Seite drauf: "Die Motivation für xyz kann jenes sein, kann dieses sein, kann selbiges sein. Und wenn Ihnen noch etwas einfällt, an das ich nicht gedacht habe, dann sagen Sie es mir. Dann versuche ich, mich darauf einzustellen." Und das ist etwas, was - so glaube ich- sehr wenige Kolleginnen machen. Nochmal zu hinterfragen: "Was steckt denn eigentlich dahinter?"

Was mich wundert: Ich habe gezielt nach "Sexualbegleiterinnen" gesucht, bin aber auf deine Seite gestoßen. Weil du auf dieser Homepage bist, die alle Sexualbegleiterinnen deutschlandweit aufgelistet hat. Aber du bist an sich ja keine Sexualbegleiterin, so wie ich es aus der Theorie kenne. Ich kenne ja leider nur die Theorie. Und ich kenne es so, dass Sexualbegleiterinnen einen pflegerischen oder pädagogischen Background haben sollten - in der Theorie. Wie kommt es, dass du auf dieser Seite zu finden bist mit deinem Studio?

Auf der Seite bin ich zu finden, weil ich mich eingetragen habe.

Ich habe eine Unterseite "Vorlieben, Praktiken, Angebote". Wenn irgendetwas an mich herangetragen wird, womit ich mich entweder sowieso schon beschäftigt habe oder neu beschäftigen soll, dann tue ich das meistens. Ich bin auch keine Tantra-Masseurin, aber wenn jemand mich fragt, ob ich eine Tantramassage machen kann, oder wenn mir in einer Veranstaltung, die ich privat besuche, Tantramassage begegnet und ich merke: "Ey, das ist eigentlich ganz spannend!", dann kann es auch sein, dass ich mich intensiver damit befasse.

Wenn ich also entweder über die private Szene oder über Anfragen an eine neue Praktik / Spielart / Variante von Sexualität herangeführt werde, dann will ich mich oft damit auseinander setzen: Dann sitze ich da und lese Verschiedenes im Internet und probiere nach und nach aus - mit Freunden oder mit Kunden, die über meinen geringen Erfahrungslevel informiert sind. Und dann schreibe ich unter Umständen eine Seite, die dazu paßt, was ich dazu auch anbieten kann.

So steht z.B. auf meiner Sexualassistenz-Unterseite, die du ja auch gelesen hast, wie mein Ansatz dazu ist.

Der Begriff Sexualassistenz ist nicht gesetztlich geschützt. Ebenso wenig wie z.B. auch der Begriff Erotik-Hypnose. In beiden Fällen hat mir jemand erzählt, was das ist, also was man unter den Begriffen "Sexualassistenz" und unter "erotischer Trance" versteht, und ich guckte es mir dann näher an und stellte fest: "Oh, das mache ich doch schon die ganze Zeit!"

Also habe ich Erotik-Hypnose und Sexualassistenz auch zu den "Angeboten" aufgenommen.

Wann hörtest du zum ersten Mal von "Sexualbegleitung"?

Ich bin auf einem Erotik-Kongreß zum ersten Mal mit dem Begriff "Sexualbegleitung" konfrontiert worden. Dort waren einige Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter. Ich habe mir einen Flyer mitgenommen. Und ich habe spontan gedacht: "Eine Sexualbegleitung wäre genau das, was meine Oma bräuchte."

Ich habe eine Sexualbegleiterin angesprochen, ob sie meine Oma als Kundin haben will. Und ich dachte mir: "Wenn jemand wie meine Oma zur Sexualbegleitung zu mir käme, fände das ganz toll. Ich fühle mich definitiv kompletent und habe Lust auf entsprechende Aufträge." Nur es mit meiner Oma selbst zu machen, das traute ich mir dann doch nicht zu, weil meine Oma eben meine Oma ist.

Meine Tätigkeit ist übrigens beim Finanzamt angemeldet als "Kreative Erotik und Sadomasochistische Rollenspiele". Zur "Kreativen Erotik" würde ich Sexualbegletitung auch zählen.

Und ich verstehe den Begriff SM sowieso ein bißchen weiter als viele andere Leute. Was auch wieder damit zusammenhängt, dass ich ihn über die lesbische SM-Szene kennengelernt habe und die Lesben-Szene sowieso schon so winzig ist, dass man da nicht noch lauter kleine Untergruppen haben kann.

Wie verstehst du den Begriff?

Alles, was als "nicht normal" gilt innerhalb von Sex. Und trotzdem einvernehmlich ist. Also "normal" ist "ficken, wichsen, lecken, blasen" und alles andere, was trotzdem freiwillig ist, zählt dazu.

Okay. Und was hast du bis jetzt für Erfahrungen gemacht mit dem Gebiet der Sexualbegleitung? Oder sprechen wir nicht unbedingt von dem Begriff der Sexualbegleitung, weil das ja nicht das Einzige ist, was du machst, du fasst es ja als Normalität auf. Also als etwas ganz Normales.

Nein, das ist eine andere Frage. Wenn du mich fragst, was ich mit Sexualbegleitung gemacht habe, dann nehme ich natürlich nur die Sachen raus, die ich darunter zählen würde. In den gesamten Möglichkeiten von "Kreativer Erotik" ist SM drin, ist DS drin, ist Tantra drin, ist Hypnose drin, ist Sexualbegleitung drin - und dann kannst du die jeweils nochmal untergliedern.

Ich bin also nicht der Meinung, dass alles, was ich tue, Sexualbegleitung ist. Aber ein paar Sachen, die ich tue, würde ich als "Sexualbegleitung" bezeichnen. Und wiederum würde ich andere Sachen, die ich tue, selbst dann nicht als Sexualbegleitung auffassen, wenn ich sie mit Behinderten tue.

Zum Beispiel?

Wenn jemand einen verkrüppelten Arm hat und mich nach einer SM-Session fragt, und mir vorher sagt, dass er den Arm nicht hochnehmen kann, dann muss ich im Vorgespräch einfach nur klären, oder auch während der Session, was geht und was nicht: "Ähm, geht es noch so weit oder so weit?"

Wenn jemand blind ist und vom Bahnhof abgeholt werden muss, dann ist das auch eine pragmatische Sache: dann hole ich ihn vom Bahnhof ab.

Ansonsten sind die Sessions aber reguläre SM-Sessions, nicht spezielles Behinderten-Programm. Trotzdem sind auch einige dieser Leute über irgendwelche Sexualbegleitungs-Seiten, also entsprechende Links, gekommen, weil sie gezielt nach Angeboten für Behinderte geguckt haben. Und die sind ja dann auch nicht falsch bei mir. Aber eigentlich sind das keine "Sexualbegleitungs"-Sessions nach meinem Verständnis.

Wann sprichst du denn von "Sexualbegleitung"?

Wenn es darum geht, das jemand tatsächlich mit seiner Sexualität ein Problem hat und darin Hilfe braucht.

Okay, das sind also nicht prinzipiell Menschen, die eine Behinderung haben, sei es eine körperliche oder geistige. Denn sowas kann auch auf Menschen ohne Behinderung zutreffen, die ein Problem mit ihrer Sexualität haben oder mit ihrer sexuellen Auslebung oder Ausrichtung und deswegen Unterstützung brauchen. Oder Hilfe von jemandem, der sich damit auskennt.

Genau. Deswegen steht auch auf meiner Unterseite für Sexualbegleitung, dass das ein Angebot für Behinderte oder sonstwie Gehemmte ist. - So war das übrigens auf den Flyern, die ich von anderen Sexualbegleiterinnen gesehen habe, durchaus auch, also z.B. alte Menschen. Wie meine Oma.

Man kann die Begriffe auch auseinander klamüsern: Sexualbegleitung, Sexualassistenz, Sexualberatung.

"Begleitung" ist etwas mehr als nur eine (bizarr-)erotische Handlung. Zum Beispiel Hilfe wegen Alter, Erziehung, Behinderung, Coming-Out-Problemen. Das beinhaltet psychologische Unterstützung und Beratung.

"Sexualassistenz" würde ich wieder als etwas anderes sehen als "Sexualbegleitung". Assistenz kann tatsächlich auch sein, dass jemand behindert ist und wegen seiner Behinderung jemanden braucht, der ihm einen runterholt, weil er sich selbst keinen runterholen kann.

In reiner "Sexualberatung" würde ich den körperlichen Aspekt raushalten. Eine reine Beratung ist: "Wir reden über deine Probleme."

Eine Begleitung ist: "Wir reden und analysieren und tun."

Assistenz ist: "Wir tun's, weil du's allein nicht kannst und dafür einen Assistenten brauchst."

Der Hauptansprechpartner für Sexualbegleitung und -assistenz im Raum Hessen meinte, dass er momentan nicht die Kapazitäten und Möglichkeiten hat, die sexuellen Dienstleistungen im Sinne von Sexbegleitung und Sexualassistenz Menschen mit Behinderung zu geben, weil er keine Frauen/Mitarbeiterinnen hat, die pädagogische oder pflegerische Ausbildung haben. Siehst du das überhaupt als Problematik an? Meinst du, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung eine Mitarbeiterin mit pädagogischem oder pflegerischem Hintergrund brauchen?

Es kommt darauf an, welche geistige Behinderung sie haben und welchen pädagogischen oder pflegerischen Hintergrund sie hat. Eine Frau mit einer multiplen Persönlichkeit war bei mir. Wäre da jetzt eine normale Krankenschwester beispielsweise gewesen, hätte das genauso wenig genutzt, wie wenn ich das als Physikerin mache. Ich bin intelligent und lese mir dazu gern alles durch, was ich für sinnvoll halte.

Allerdings setze ich mein Domina-Honorar an. Das ist übrigens der Grund, wieso ich nicht so oft gebucht werde, wie es vielleicht sein könnte oder wieso ich mit anderen Sexualbegleiterinnen vielleicht nicht direkt konkurriere: Ich habe mein festes Stundenhonorar und das ist nicht weniger, nur weil jemand behindert ist.

Solche Anfragen scheitern also oft am Preis. Wenn ich die entsprechende Vergütung kriege, aufgeteilt in Session- und Plauderzeit, so wie ich es bei allen anderen Leuten auch abrechne, dann setze ich mich gern in Sonderplanungen auch vorbereitend mit Spezialthematiken auseinander.

Kann ich das, traue ich mir das überhaupt zu oder nicht? Das muss ich in der entsprechenden Plauderzeit abwägen. Je riskanter mir die Angelegenheit erscheint, desto mehr würde ich mich informieren wollen - und je aufwändiger das wird, desto teurer wird das "Projekt". - Das gilt nicht nur für Sexualbegleitungen und -assistenzen, sondern auch für heikle BDSM-Anfragen. Mein Auftraggeber braucht ein Verständnis für risk-aware consensual kink und muss auf mich den Eindruck machen, eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen zu können.

Bisher hatte ich nur Anfragen von juristisch mündigen Personen. Hätte jemand einen Vormund und wäre somit dieser der Auftraggeber, würde ich mich zunächst näher über die Rechtslage informieren.

Du meintest gerade, dass viele solcher Dienstleistungen an dem finanziellen Aspekt scheitern, gerade bei Menschen mit Behinderung, die sowieso ein super geringes Einkommen haben. Es gibt ja schon seit vielen Jahren die Debatte, ob man solche sexuellen Dienstleistungen auf Rezept ausstellen lassen soll und das dann eben vom Sozialamt o.ä. übernommen würde. Wie stehst du dem entgegen?

Glaubst du, das ergibt Sinn? Oder glaubst du, dass dann Sexualität mit einer Krankheit assoziiert wird? Was hälst du davon? Findest du es eine sinnvolle Sache, oder findest du es komplett widersprüchlich zum Leitkonzept der Inklusion, da wir ja - was die Behindertenpädagogik angeht- diesen gesellschaftlichen Auftrag "Inklusion oberste Priorität" haben?

Mein erster Gedanke: Für mich wär's praktisch, wenn's das auf Rezept gäbe, denn das würde mir entsprechende Kunden bringen.

Mein zweiter Gedanke: Für mich wäre es wahrscheinlich doch nicht praktisch, denn wahrscheinlich würde es einen maximalen Satz für diese Leistung geben, und meine Honorarerwartung läge darüber.

Also zurück von der Frage, ob es für mich praktisch ist oder nicht, zu der Frage, ob es für die Behinderten praktisch ist oder nicht. Praktisch natürlich. Gerechtfertigt, wenn das Ausleben von Sexualität sonst nicht möglich ist? Lass es uns mit anderen Kassenleistungen vergleichen!

Spontan denke ich an eine Contergan-Frau mit verkürzten Armen, die sich gar nicht selbst berühren konnte. Sexualassistenz auf Kasse würde auf ähnliche Weise begründbare Assistenz sein, wie wenn man man ihr eine Putzfrau zahlt, weil sie selbst nicht putzen kann oder wie wenn ein Rollstuhlfahrer ein Taxi-Kontingent bekommt, weil er sich nicht anders fortbewegen kann.

Wenn es also eine körperliche Unfähigkeit gibt, irgendetwas zu tun, von dem man sagt, jeder Mensch sollte das tun können, z.B. jeder Mensch sollte in einer ordentlichen Wohnung leben können, dann könnte man auch sagen, jeder Mensch sollte sich selbst befriedigen können.

Schwieriger wird es, wenn es eine Sorte der Behinderung ist, die eigentlich nicht verhindert, dass Sexualität lebbar ist. Bei der Frage, ob jemand, der masturbieren kann, auch Geschlechtsverkehr auf Kasse bekommen muss, nur weil ihm wegen seiner Behinderung die Partnerwahl möglicherweise schwer fällt, da gehe ich eher nicht mit.

Und wie siehst du das bei einer geistigen Behinderung?

Wenn die geistig Behinderten ihre Bedürfnisse nicht äußern können, ist das tatsächlich der Bereich, wo ich jetzt gern die psychologische Ausbildung hätte für eine fundierte Meinung. Obwohl ich auch nicht unbedingt sicher bin, ob alle Leute, die eine psychologische Ausbildung haben, das wirklich besser einschätzen können.

Hm. Man könnte vielleicht eine ordentliche Studie machen mit Menschen, bei denen man das Gefühl hat, sie zeigen ein Bedürfnis nach Sexualität - z.b. weil jemand mit geistiger Behinderung sich dauernd anfaßt oder sich dauernd gegen seine Bettdecke schuppert, dann ist ein Bedürfnis nach Sexualität ziemlich offensichtlich. Man könnte eine Studie mit Kontrollgruppen ansetzen: Einigen Menschen davon Sexualbegleiterinnen bezahlen und anderen nicht und dann gucken, ob man dann in irgendeiner Form die Zufriedenheit feststellen kann bei den Menschen.

Schwierig ist es dann, wenn jemand überhaupt keine Bedürfnisse zum Ausdruck bringen kann. Ich weiß nicht, wie man da am besten vorgeht. Ähm, man müßte wohl vergleichen, wie es bei anderen Bedürfnissen gemacht wird. Bei jemandem, der vielleicht Hunger hat, aber nicht äußern kann, dass er Hunger hat, wird wahrscheinlich irgendwie nach Uhrzeit gefüttert. Schätze ich.

Es ist natürlich viel schwieriger: man kann niemanden sexuell nach Uhrzeit befriedigen, weil das übergriffig sein könnte. Ich habe keine Ahnung, ob es da auch Sinn machen würde, mit Kontrollgruppen zu arbeiten, oder ob sowas als ethisch fragwürdig gilt - also da müßte man sich tatsächlich sehr stark daran orientieren, wie das wissenschaftlich mit anderen Bedürfnissen gemacht wird. Ich glaube, jemand der zwangsernährt wird, kann das auch als unangenehmen Übergriff empfinden, aber irgendwann ist es wirklich notwendig.

Ich bin unschlüssig. Müßte länger nachdenken. Spontan hätte ich die Tendenz, das mit der Sexualassistenz bei Leuten, die keine Bedürfnisse nach Sexualität zeigen, zu unterlassen. Und bei denen, die das Bedürfnis zeigen, es versuchsweise einzuführen, aber auch zu evaluieren.

Okay. Und wie siehst du das in Bezug auf Begrifflichkeiten: Sexualbegleitung auf der einen Seite und Prostitution auf der anderen Seite? Da streiten sich ja die Gemüter, inwiefern Sexualbegleitung eine Form der Prostitution ist. Weil Prostitution heutzutage leider noch relativ stigmatisiert ist, habe ich oftmals gelesen oder auch in Interviews mit anderen Leuten erfahren, dass man auf gewisse Grenzen stößt, wenn Sexualbegleitung in den Kontext von "Prostitution" gestellt wird - von dem Begriff wenden sich viele ab.

Es kommt auf die jeweilige Definition an. Begriffe müssen ja definiert sein! Und die Definition ist oft weniger eindeutig, als man denkt.

Das merkt man auch bei anderen Begriffen: Ob ich zum Beispiel mit jemandem eine "Beziehung" habe oder nicht, hängt sehr stark davon ab, wie ich "Beziehung" definiere - genügt gegenseitige Liebe, oder braucht es auch gemeinsamen Alltag? Ob ich bei einem Ausflug schon "wandern" oder nur "spazieren" gehe, hängt davon ab, wie ich "Wandern" definiere.

Auf die Stigmatisierung des Begriffs "Prostitution" kann man so oder so reagieren. Entweder, indem man sagt "Um Gottes Willen, deswegen möchte ich nicht in der Schublade der Prostituierten sein, damit ich nicht stigmatisiert werde" oder ich kann sagen "Ich möchte, dass niemand für seine Dienstleistungs-Tätigkeit, egal wie sie heißt, diskriminiert wird". - Ob es mich stört, unter einem Begriff zu landen oder nicht, hängt davon ab, welche Konsequenzen es hat.

Es kann hübsch sein, insgesamt einen neuen Begriff einzuführen, aber das ist ja gar nicht von Interesse, solang sich im Denken nichts ändert. Vor Jahren befasste ich mich intensiv mit der feministischen Diskussion, inwieweit Sprache überhaupt Denken beeinflußt.

Als Studentin besuchte ich die Physiker-Tagung und die Physikerinnen-Tagung. Auf der Physikerinnen-Tagung waren nur die Physikerinnen, auf der Physiker-Tagung waren Männer und Frauen. Es gab keinen Begriff für "ausschließlich männliche Physiker". Damals war ich der Meinung, es sollte analog zu "Physikerinnen" für "ausschließlich weibliche Physiker" einen geben, z.B. "Physikeriche". Und entsprechend für alle Wörter, die sich auf "Männer und Frauen" oder "nur Männer" oder "nur Frauen" beziehen können.

Das hat man ja auch beim Behinderungsbegriff.

Richtig: behindert, andersfähig, gehandicapped … und was es da noch so alles gibt. Das Wichtigste ist, dass gegen Stigmatisierung und Diskriminierung etwas getan wird! Man kann das auch über Sprache versuchen.

Aber unabhängig vom Wort müssen Leute, die etwas anbieten, erstens dazu stehen, was sie anbieten, und zweitens sollten sie nicht benachteiligt werden für das, was sie anbieten - und dann ist vollkommen egal, wie das heißt.

Leider ist das nicht auf die Schnelle umsetzbar.

Was genau war deine Frage? Kannst du sie vielleicht so stellen, dass ich sie mit einem klareren "Ja" oder "Nein" beantworten kann?

Nein, alles gut. Es ergeben sich ja auch neue Fragen, wenn du so viel erzählst. Das finde ich ganz gut. - Die Frage war zu den beiden Begrifflichkeiten Sexualbegleitung/Prostitution, inwiefern das darunter fällt.

Ist nicht eindeutig beantwortbar, da Definitionen erstmal axiomatisch festgelegt werden müssen. Je nachdem, wie der Begriff "Prostitution" definiert ist und wie eventuelle Unterbegriffe, z.B. "sexuelle Handlung" ggf. in Abgrenzung zu "genitaler Berührung", definiert sind, fällt Sexualbegleitung darunter oder nicht.

Danke. Ähm, jetzt muss ich mal kurz überlegen. Genau, wie sieht's mit weiblichen Kunden aus? Das paßt ja jetzt eigentlich ganz gut: ich wußte gar nicht, dass du einen feministischen Hintergrund hast. - Ich war schon oft in Wohnheimen, hab dort Bewohner und Bewohnerinnen befragt und bin auf die vorherrschende Meinung gestoßen, dass natürlich eher die Männer solche Dienstleistungen nutzen bzw. sich das vorstellen könnten als die Frauen. - Auf dasselbe Ergebnis bin ich auch mit der Leitung der Kontaktstelle gestoßen, dass eben hauptsächlich Anfragen von männlichen Kunden kommen. Wie erklärst du dir das? Es ist ja nicht so, dass Frauen weniger sexuelle Bedürfnisse haben. Es muss ja einen Grund haben. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Auch da gibt es wieder zwei Gründe. Unter den Männern, die nach Sexualbegleitung auf Krankenschein nachfragen gibt es einige, die einfach gern eine Prostitutierte auf Krankenschein hätten, also nicht unbedingt denken: "Ich bin so behindert und brauche sie deshalb", sondern nur "Oh, es wäre doch mal schön, das auf Kasse zu kriegen!" Weil Frauen es generell nicht so auf dem Schirm haben, dass sie sich eine Prostituierte nehmen können, dann kommen sie natürlich auch nicht, nur weil sie behindert sind, deswegen eher auf die Idee. Und wenn eine Frau tatsächlich auf die Idee kommt, eine Prostituierte aufzusuchen, dann ist die Chance, dass die Prostituierte nichts damit anfangen kann, ziemlich hoch. Hab ich selbst schon so erlebt, als Freierin bei Prostituierten zu sein ist oft sehr unbefriedigend. Selbst wenn Heterofrauen zum Callboy gehen, ist es dasselbe Problem. Ich glaube, die meisten Hetero-Callboys machen sehr schlechte Angebote. Ich würde auch, wenn ich einen Mann suchen würde, sehr skeptisch sein, welchem Callboy ich das zutraue, wirklich einen guten Job zu machen.

Wenn es also tatsächlich ein Bedürfnis seitens der Frauen gibt, stellt sich die Frage, ob es die realistische Erwartung gibt, dass dieses Bedürfnis bei den aktuellen professionellen Angeboten erfüllt wird. Wenn man denkt: "Mh, ich hätte zwar gerne, aber ich kriege sowieso nicht, was ich will" braucht man erst gar nicht nachzufragen. Das ist natürlich generell ein gesellschaftliches Problem. Du kennst bestimmt von deiner Ausbildung her die Frage, wie weit es anerzogen oder veranlagt ist, dass Frauen mehr nach Liebe, fester Bindung und so weiter suchen oder das zumindest als Voraussetzung für Sexualität brauchen, also sich erst lange-lange in die Augen schauen und dann viel später erst vögeln, statt wie Männer mal schnell irgendwie Trieb abzulassen. Dasist ja schon Männern und Frauen so zugeordnet. Ich glaube, das ist auch statistisch so, dass das von den Bedürfnissen her auch so liegt. Die Frage ist nur, ob es statistisch so ist, weil es eben unserer Sozialisation entspricht, oder ob es tatsächlich genetisch / biologisch ist.

Ist auch egal. Also insofern egal, ob der Trieb soziologisch oder biologisch nicht da ist: wenn er nicht da ist, beantwortet das deine Frage.

So, aber das ist der nächste Punkt: Ich glaube, dass Frauen bei der Sexualbegleitung in dem Sinne, den ich vorhin meinte, nämlich gegen Hemmungen etc. zu helfen, sogar bessere Kunden sind. Männer haben häufig ihre Sexualität für sich klar und denken nur: "Wo finde ich jemandem, bei dem ich sie kriege?" Frauen, die vielleicht zu einer Sexualbegleiterin gehen, haben oft ihre Sexualität für sich nicht klar. Dummerweise haben sie sie oftmals nicht mal so klar, dass sie das Bedürfnis haben, sich eine Sexualbegleiterin zu suchen.

Meine Oma hat mir irgendwann ganz traurig erzählt, dass sie eine Gebärmutter-OP hatte: "… und dann hat mich der Arzt gefragt, ob ich denn noch Verkehr hab, und dann hab ich halt gesagt seit vierzig Jahren nicht mehr! Und jetzt geht es ja sowieso nicht mehr, weil ich ja jetzt unten zugenäht bin." - "Was, Oma, du bist unten zugenäht?" - "Ja, jetzt bin ich unten zugenäht und jetzt geht sowieso nichts mehr." - "Oma, erstens glaube ich nicht, dass du unten zugenäht bist und zweitens, selbst wenn es so wäre, hieße das nicht, dass nicht noch irgendeine Form von sonstiger sexueller Befriedigung ginge." - "Ja, wie soll denn das gehen?"

Bei mir hat Oma im selben traurigen Tonfall geredet, wie bei dem Arzt wahrscheinlich auch. Ich würde den Arzt am liebsten verklagen!

Ich wollte mich sterilisieren lassen, als ich 18 war und habe gesagt bekommen, ich treffe vielleicht eine Entscheidung, die ich zehn Jahre später bereuen könnte. Und ich habe deswegen meine Sterilisation nicht bekommen, obwohl ich volljährig war.

Ich habe inzwischen erfahren, dass bei Gebärmutter-Entfernungen tatsächlich in verschiedener Tiefe in der Vagina genäht werden kann - es kann also tatsächlich sein, dass meine Oma recht hat und die Naht wirklich so ist, dass kein Dildo oder Penis mehr reinpassen würde. Das wird offenbar tatsächlich medizinisch gemacht, wenn eine Frau nicht selbstbewußt sagt: "Doch, möchte noch Verkehr haben!"

Ich finde es eine gnadenlose Frechheit, dass ich mit 18 nicht sterilisiert werden konnte, weil ich es evtl. bereuen würde, aber dass meine Oma mit meinetwegen 60 (keine Ahnung, wie alt sie damals war) zwar gefragt wurde, ob sie noch Verkehr hat, aber ihr niemand gesagt hat, sie könne dies ja auch bereuen. Zumal sie es so traurig gesagt hat!

Meine Oma ist als Jungfrau in die Ehe gegangen, hat eine Hochzeitsnacht gehabt, die fürchterlich war. "Ich hab mir das eigentlich schöner vorgestellt und ich wollte auch nicht gleich schwanger werden. Aber dann wurde ich doch schwanger und dann hätte ich es vielleicht mal genießen können, aber mit einer schwangeren Frau wollte dein Opa dann keinen Sex haben." Sie hat mir dann noch mehr erzählt, und sie ließ durchaus durchblicken, dass sie sich irgendwann mal befriedigenden Sex gewünscht hat und dass sie irgendwie traurig ist, dass sie jetzt zu alt ist.

Inzwischen ist Opa tot. Das wäre ein typischer Fall, sich dann frei eine professionelle Dienstleistung zu buchen. Ich habe ihr einen Flyer mitgebracht von einer Kollegin, die auch Sexualassistenz anbietet. Sie war leider weiter der Ansicht, dass sie "zu alt" sei. Aber ich hab gemerkt, dass sie sich trotzdem irgendwie gefreut hat, dass sie mit mir darüber reden konnte und dass ich sie ernst genommen habe.

Oma wäre eine ideale Kundin für Sexualbegleitung und -assistenz, wenn sie sich das trauen würde. Natürlich nicht bei mir, sondern einer Kollegin.

Eine Frau wie sie braucht aber erstmal ein Coaching, weil sie für sich nicht klar genug hat, dass sie überhaupt sexuelle Bedürfnisse in ihrem Alter noch haben darf - solange sie sich das nicht zugesteht, bucht sie aber eben gar nichts. Wenn Männer einen Service suchen, wissen sie in vielen Fällen ziemlich genau, was sie wollen, aber nicht, wie sie es kriegen.

Männer schämen sich vielleicht noch, dass sie es wollen, aber sie wissen es immerhin. Frauen wie Oma denken: "Ich hätte es mir mal ganz schön vorgestellt, aber jetzt bin ich zu alt!"

Hattest du ähnliche Fälle in deiner Kundschaft?

Einmal war ein Paar bei mir, das würde ich auch als einen Sexualbegleitungs-Service ansehen, obwohl sie nicht über diesen Begriff gesucht und gebucht haben. Sie hatten sich im Rentenalter kennengelernt, er war schon lange überzeugter SM-er, die Frau war lange in einer Ehe gewesen, in der Sex irgendwie nebenher lief, aber sie nicht besonders erfüllt hat. Als sie ihn kennengelernt hat, hat sie mit ihm tollen Sex und zum ersten Mal einen Orgasmus gehabt. Weil sie so glücklich war, war sie bereit, sich auch auf etwas Neues einzulassen, wozu er Lust hat. Er hatte Lust auf SM und wollte dabei gerne passiv sein. Also sind sie zu mir gekommen, damit ich ihr Dominanz beibringe. Das war eigentlich der Auftrag. Sie war auch sehr aufgeschlossen. Es war keinesfalls so, dass da eine Mann seine Partnerin zu etwas überredet hat, worauf sie keine Lust hat. Sie war positiv neugierig, aber hatte Angst, ihm weh zu tun oder zu viel zu machen oder zu wenig zu machen oder sich doof anzustellen.

Die beiden waren hier und dann habe ich gesagt, sie soll ihm einfach erstmal Kommandos geben, worauf sie sexuell Lust hat: "Wir machen jetzt erstmal keinen SM, sondern bleiben bei Sex." Sie sollte Dinge sagen wie "Leck mich hier" oder "Leck mich fester" und das einfach in einem strengeren Ton. Dann stellte sich aber heraus, dass sie das nicht sagen konnte, weil sie so etwas noch nie ihrem Leben gesagt hat. Sie hat zwar mit ihrem neuen Partner Orgasmen gekriegt, aber nicht, weil sie ihm gesagt hat, was sie mag, sondern weil er sie ganz gut lesen konnte und er es außerdem wohl auch oft ganz richtig für sie gemacht hat. Aber dann ist es Glückssache, ob es klappt oder nicht.

Wir sind dann einen Schritt zurückgegangen von "Ich bringe ihr Dominanz bei" und haben wirklich Sprachübungen gemacht. Ich habe Zettelchen geschrieben, da konnte sie gucken, wie fühlt es sich an, die vorzulesen. Wie fühlt es sich an, "Vagina" zu sagen oder "Fotze"?

Sie mußte lernen, ihre sexuellen Wünsche überhaupt zu benennen und vorher herauszufinden, wo sind diese überhaupt. Sie wußte auch nicht, ob sie lieber geleckt oder gefingert wird oder es lieber fester oder sanfter will.

Wir haben uns also geeinigt, dass das jetzt unsere erste Aufgabe ist. Ich habe ihnen auch Übungen für zuhause gegeben, bevor es dann um Dominanzthemen und SM-Praktiken ging.

So etwas würde ich eher als Sexualbegleitung sehen, nicht als SM-Session, obwohl sie mit einem SM-Auftrag gekommen sind.

Allerdings hätte diese Frau mich von alleine sicher auch nicht gebucht. Ähnlich wie meine Oma eben von alleine keine Dienstleistungen nutzt. Diese Frau hatte das Glück, dass ihr dieser Mann über den Weg lief, der sie dann auch mit zu mir nahm. Vorher hatte sie nicht gedacht: "Ich bräuchte jemanden, der mir weiterhilft, weil ich meine Sexualität nicht im Griff habe und Sehnsucht danach."

Damit Frauen Sexualbegleiter/innen und -assistent/innen gezielt buchen, müßte erstmal ein Bewußtsein dafür geschaffen werden, dass Frauen ein Recht auf Sexualität haben: Dass sie Sexualität ausleben dürfen, sexuelles Verlangen haben dürfen.

Dazu könnte man jetzt natürlich werbemäßig irgendetwas machen. Also sowohl wir als Anbieter/innen. Aber auch generelle Aufklärung: Haben Frauen ein Recht auf Sexualität? Und bzgl. Prostitution ist es dasselbe. Die Frauen, die schon wissen: "Ich habe ein Recht auf Sexualität" haben oft trotzdem das Gefühl: "Ja, aber nicht auf Prostitution."

Erstens gibt es kaum Angebote und zweitens löst auch der Begriff "Prostitution" wieder so viele Vorurteile aus, z.B. dass man automatisch überall nur "irgendwie schnell abgefertigt" würde. Viele Leute denken bei "Prostitution" nur an "Laufhaus-Sex". Rein, raus, schnell. Da haben sehr viele Frauen -und ja auch Männer- tatsächlich keine Lust drauf.

Solange es nur die Begriffe "Prostitution" und "Sexualbegleitung" gibt und der Begriff "Prostitution" für viele Leute irgendwie nach "schmuddelig und schnell" klingt und der Begriff "Sexualbegleitung" irgendwie nach "hä, was soll das denn sein?" klingt oder nach "naja, das ist für die Behinderten", nutzt genau die Zielgruppe, die ich gerade angesprochen habe, wahrscheinlich weder die ausgeschriebenen Prostitutions- noch die ausgeschriebenen Sexualbegleitungs- Angebote.

Gerade das finde ich schön, dass es dann Leute wie dich gibt, die dann so offen damit umgehen und diese Menschen dann auch auffangen. Ich finde es auch immer problematisch, dass, wie in dem Beispiel von dir mit der Frau aus dem Pärchen oder bei deiner Oma, sich viele Menschen über ihre eigene Sexualität nicht so ganz im Klaren sind und euch dann eben auch niemand aufsuchen.

Das ist ja auch ein grundsätzliches Problem bei Menschen mit Behinderung, die im institutionellen Kontext groß werden, dort nicht im sozialen Umfeld aufwachsen und nicht mit Sexualität konfrontiert werden und denen allgemein keine Sexualität zugesprochen wird und wo keine Leute kommen und sagen "Hey, es gibt Sexualbegleitung und so sieht Sexualbegleitung aus", dass dann aus Unwissenheit, dass es dieses Angebot gibt, es nicht genutzt wird. Das war zumindest das, was ich in den Wohnheimen mitbekommen habe von den Frauen und auch Männern. Ich habe gefragt: "Ja, habt ihr denn schon mal was von Sexualbegleitung gehört?" und die haben mich dann mit großen Augen angeschaut, und das gilt ebenso für die Mitarbeiter/innen.

Das finde ich dann traurig, dass solche Angebote allgemein, auch das was du machst außerhalb von Sexualbegleitung, nicht an Menschen herangetragen wird, die es nicht direkt über Medien erfahren. Sie haben ja selten Zugang zum Internet. Gerade geistig Behinderte brauchen halt andere Möglichkeiten, um an diese Informationen heranzukommen. Hast du eine Idee, wie man dieser Problematik entgegen wirken könnte? Könntest du dir selbst vorstellen, dass du mal in so ein Wohnheim gehst, natürlich in Absprache mit der Leitung, und dir mal eine Stunde Zeit nimmst, einen Vortrag hälst und sagst: "Hey, ich bin die und die und mache das und das und wenn ihr Lust habt, dann kommt vorbei"?

Klar kann ich das im Prinzip machen. Ich hatte sogar mal eine Anfrage - weiß nicht mehr, woran es gescheitert ist, vermutlich am Zeithonorar für einen solchen Vortrag. Denn rein als Werbemaßnahme für mich lohnt es sich nicht. Es würde sich vielleicht lohnen, wenn ich vor hätte, meine Preise zu senken. Das habe ich aber nicht vor. Meine Arbeit ist nicht hauptsächlich karikativ. Das ist wie mit Mathe-Nachhilfe. Ich habe lange Mathe-Nachhilfe gegeben, aber trotzdem einen relativ hohen Stundensatz für Mathe-Nachhilfe gehabt.

Es ist etwas anderes, ob man altruistisch allen Menschen helfen will, egal ob allen SM-er/inne/n oder allen Mathe-Schüler/inne/n, auch allen sozial schwachen Menschen, dann muss man den Stundensatz entsprechend senken oder gratis tätig werden, oder ob man selbständig einen Beruf bzw. Nebenberuf ausübt und durchkalkuliert: "Wieviel Zeit setze ich rein?" Ich bereite mich zum Beispiel im Vergleich zu vielen anderen Dominas, glaube ich, wesentlich aufwändiger vor. Also überlege ich: "Wieviel Geld muss ich kriegen, damit das Ganze sich für mich lohnt, wenn ich es so gründlich machen will, wie ich es machen will?" Und dabei kommt kein karikativer Satz raus.

Wenn ich jetzt irgendwo in karikativen Einrichtungen Werbung für mich machen wollen würde, dann gäbe es wahrscheinlich danach für mich dann Anfragen von Leuten, die sagen: "Oh, ja, ich würde die Lady Sara gern buchen." Die sagen dann aber trotzdem: "Aber es nutzt mir nichts, denn Lady Sara ist mir zu teuer." Dann habe ich dadurch keine Kunden gewonnen und dem Wohnheim ist auch nicht wirklich geholfen. Da käme dann wieder der Punkt rein, ob es irgendeine staatliche Förderung geben könnte. Dazu möchte ich jetzt politisch nichts sagen, denn überall zu sagen: "Man müßte das jetzt fördern", wenn man nicht weiß, wo man dann sonst Abstriche machen müßte, ist schwierig.

Das heißt: Ich biete Sexualbegleitung an, aber nicht zu einem "Mitleids"-Stundensatz, sondern im Rahmen meiner selbständigen Tätigkeit biete ich zu meinen üblichen Buchungsbedingungen eben auch gerne "Sexualbegleitung" an. Wie schon gesagt: ich finde weder das Wort "Prostitution" noch "Sexualbegleitung" toll, beides hat einen irgendwie ekligen Unterton, jetzt nicht medizinisch, aber doch sehr sterile Begriffe. Das sind auch Kunstwörter. Wobei das Wort "Sexualbegleitung" bewußt ein Kunstwort ist, um einen medizinischen Anspruch auszudrücken. Und "Prostitution" heißt ja wortwörtlich, dass die Anbieterin zur Schau gestellt und preisgegeben ist.

Was gibt es denn sonst noch für Wörter? Ich habe ja "Kreative Erotik und Sadomasochistische Rollenspiele" als Selbstbezeichnung gewählt. Und ich habe auch neulich auf einer anderen Webseite gelesen, dass tatsächlich ziemlich viele untypische Anbieter/innen eigene Begriffe wählen. Aber selbstgeprägte Begriffe findet niemand. Niemand sucht im Internet: "Kreative Erotik in Frankfurt". Also muss ich mich "Domina in Frankfurt" nennen, denn das finden die Leute. Man muss überlegen, unter welchen Begriffen wird man gefunden, was paßt am ehesten von den gängigen Begriffen. "Fantasy Designer" find ich auch noch total schön: "Sag mir deine Fantasie, und ich setze sie dir um, und zwar egal, ob du behindert bist oder nicht." Solange es nicht an meine eigenen Tabus geht, dann setze ich es natürlich nicht um.

Man bräuchte eigentlich Wortschöpfungen, aber es geht nicht, wenn lauter Leute eigene Wörter schaffen. Also muss man auf Wörter zurückgreifen, die es gibt.

Und in den Heimen müßte jemand den Leuten sagen: "Ja, es gibt Angebote für euch. Die haben verschiedene Namen." Dann müßte jemand eine/n geeignete/n Anbieter/in suchen, egal wie die sich nennt. Es würde reichen, wenn die Mitarbeiter/innen in den Heimen Bescheid wüßten. Da müssen keine Sexualbegleiterinnen Vorträge halten.

Ich kann mir banale Beispiele vorstellen. Da sind Männer wieder sichtbarer als Frauen. Wenn jemand jeden Morgen beim Gewaschen-Werden einen Ständer hat und die Altenpflegerin unangenehm berührt beiseite guckt, dann hätte sie zum Beispiel stattdessen Gelegenheit, das mit den Dienstleistungen anzusprechen.

Bei einer Frau wird es schon wieder schwieriger, wenn sie nicht offensichtlich erregt da sitzt. Aber auch da gäbe es Möglichkeiten für das Pflege- oder Heimpersonal, zu sagen : "Hast du schonmal darüber nachgedacht, dir jemanden zu buchen?" Zum Beispiel einfach, wenn eine Frau sowas erzählt wie "Ja, ich hätte auch früher gern Sex gehabt" oder dass ihr Berührung gut tut, da könnte man auf die Signale reagieren.

Ja.

Aber wie ist das eigentlich? Werden Leute in solchen Heimen denn auf andere Bedürfnisse hingewiesen? Werden sie darauf hingewiesen, dass sie in Urlaub fahren können? Wie weit werden Leute darauf hingewiesen, dass sie irgendwelche lebensqualitätsfördernden Angebote nutzen können? Wie weit ist das überhaupt das Interesse von Heimen?

Eben. Es ist das Problem, was zeitliche, personelle und allgemeine Ressourcen angeht. Dann beschränkt man sich größtenteils nur auf physische Bedürfnisse: Hauptsache, der Mensch ist gepflegt, gewaschen und bekommt sein Essen. Das sind Bedürfnisse, die sozusagen oberste Priorität haben und alles andere geht leider oftmals verloren. Gerade auch die Sexualität, Freizeitgestaltung. Das ist zum Beispiel ein großes Thema in den Wohnheimen.

Ich glaube, ein paar Krankenhäuser haben ihr eigenes Nagelstudio und einen eigenen Friseursalon. Und die Leistungen dort kriegt man auch nicht auf Kasse. Die Kund/inn/en müssen das selbst bezahlen. So könnten sich auch andere Service-Anbieter/innen einmieten. Dann müßte man eben selbst bezahlen, wenn man die Haare geschnitten kriegen will, masturbiert werden will, Blumen kaufen will. Dazu müßte man die Gesellschaft aber viel weiter kriegen. Das wäre eine sehr hübsche Utopie, wenn die Gesellschaft so weit wäre.

Glaubst du, dass das Thema Sexualität an sich noch so ein Tabu-Thema ist, dass es deswegen solch mangelhafte Informationsausgabe an Mitarbeiter/innen und Bewohner/innen gibt? Ganz selten gibt es dort Informationen zum Thema Sexualität. Wenn überhaupt, dann läuft das über die Behindertenhilfe ab, die dann einmal im Jahr vorbei schaut und Flyer austeilt. Liegt das daran, dass Sexualität so tabu ist? Oder dass man einfach ein Desinteresse daran hat, dass man sich denkt, dass andere Themen einen höheren Stellenwert haben? Wie schätzt du das ein?

Sexualität ist mehr Tabu-Thema, als ich gedacht hatte. Sexualität ist kein Tabu-Thema, wenn heterosexuelle Menschen in festen Beziehungen sind. Das muß nicht mehr die Ehe sein - die Zeiten, wo "Kein Sex vor der Ehe" hochgehalten worden ist, die sind um. Du darfst einen Freund haben und es darf auch jeder wissen, dass du mit deinem Freund schläfst. Wenn du mit deinem Freund aber SM machst, kommt es schon darauf an, wem du das erzählst. Wenn du einen Freund und eine Freundin hast, überlegst du auch, wem du das erzählst. Es gibt verschiedene Bereiche, wo du es einfacher erzählen kannst oder nicht.

Ich arbeite im Moment in der IT, weil die mir zu meinem Arbeitsvertrag meine Nebentätigkeitserlaubnis geben. Die Uni hat mich wegen der Nebentätigkeit gekündigt, obwohl ich im Institutskeller gestanden hab und Grundlagenforschung gemacht hat. Ich hätte gedacht, das ist kein Problem. Du könntest jetzt sagen: "Ja, du machst ja SM und das ist wieder etwas anderes", aber ich glaube das gilt für alles, was nicht "partnerschaftlicher Sex in einer heterosexuellen Beziehung" ist. Je nachdem, mit wem man redet, ist vielleicht der "partnerschaftliche Sex in einer homosexuellen Beziehung" auch noch okay. Aber dann geht es noch ein bißchen weiter: Wo genau ist die Grenze? Es gibt das eine, da ist wirklich klar, das gilt als "okay", das darf "man" haben - und dann gibt es alle möglichen Formen kreativer Erotik drum herum, die mehr oder weniger tabu sind, je nachdem, mit wem man redet. Wo man vielleicht bei den Naturwissenschaftlern weniger Streß kriegt als bei den Geisteswissenschaftlern. Oder in einem kleinen Unternehmen mit flacher Hierarchie weniger als bei einem großen wie der Uni, wo irgendwo die Personalabteilung vom Institut und die Personalabteilung von der ganzen Fakultät und in allen Hierarchie-Ebenen alle entscheiden müssen, und ggf. was Unterschiedliches sagen.

Ich glaube, das Problem hätte ich auch gehabt, wenn ich nicht "Domina" gewesen wäre, sondern einfach nur geoutete SM-erin. Wenn ich meine Webseite genau so hätte, wie ich sie habe, ohne etwas Professionelles anzubieten, als meinen privaten SM-Blog. Dann hätte ich dasselbe Problem gehabt, denn das Problem kam dadurch zustande, dass man unter meinem vollen Namen meine Webseite googeln konnte.

Ich hätte nicht erwartet, dass das Probleme gibt, wenn ich Grundlagenforschung in einem Keller mache. Ich hätte vielleicht mit Problemen gerechnet, wenn ich mit Patienten des Uni-Klinikums persönlich gearbeitet hätte. Und selbst da finde ich, dass das keine Probleme geben sollte. Aber da hätte ich es eher erwartet. Die wissenschaftlichen Publikationen, die ich bei meiner Tätigkeit verfaßt hätte, wären aber nur von anderen Wissenschaftlern gelesen worden, hätten nicht im Licht der Öffentlichkeit gestanden. Den Wissenschaftlern hätte ich zugetraut, dass sie meine Arbeit beurteilen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Problem hat es gegeben, weil ich mit SM in der Öffentlichkeit kam - das hätte es auch geben können, wenn ich lesbische Aktivistin in der Öffentlichkeit gewesen wäre oder mit für das "Recht auf Sexualität für ältere Menschen" irgendwo öffentlich eingesetzt hätte. Es hätte auch passieren können, wenn ich Autorin eines Buches über solch ein Tabu-Thema gewesen wäre.

Wenn du dich irgendwo öffentlich zu irgendeiner Form von Sexualität bekennst, gibt es wohlmöglich ein Problem. Wenn ein Polizeichef eine Dreierbeziehung hat, brngt er wahrscheinlich trotzdem nur eine/n seiner Partner/innen mit mit aufs Polizeitreffen, wenn er Probleme vermeiden will.

Sexualität ist also definitiv ein Tabu - und es ist unklar, wo das Tabu anfängt.

Frauensexualität scheint auch ein größeres Problem zu sein, als ich gedacht hätte. Eine befreundete Krankenschwester hat mir erzählt, dass die Krankenpflegerinnen teilweise nicht wissen, wo sie einen Katheter hineinschieben müssen bei Frauen! Also, wo die Harnröhre ist bei einer Frau. - Dass das vielleicht die männlichen Krankenpfleger nicht wissen, wenn sie 17 sind, hätte ich ja noch vermutet. Dass es die weiblichen Krankenpfleger nicht wissen, hätte ich nicht vermutet.

Da gibt es erschreckend viel Unaufgeklärtheit und ein Freund sagte mir, es sei gerade wieder rückläufig. Irgendwann gab es die 70er und die sexuelle Aufklärung und Befreiung und so weiter. Nun, da ist auch nicht alles gut gelaufen und teilweise lief die sexuelle Befreiung viel mehr zu Gunster der Männer als Frauen. Aber danach ging es dann scheinbar eben wieder zurück als vorwärts! Scheinbar wird die Gesellschaft gerade eher wieder verklemmter also offener. Man muß also generell aufklären, "pro Sex" aufklären.

Darf ich fragen, mit welcher Begründung dir damals diese Stelle gekündigt wurde? Das war eine Doktorandenstelle? Was war die offizielle Begründung? Es muss ja ein offizielles Schreiben oder ein Gespräch gegeben haben.

Im Schreiben stand wörtlich, ich hätte "vage und diffuse Angaben im Zusammenhang mit der Nebentätigkeit gemacht und insbesondere verschwiegen, dass ich in einem Gewerbe tätig sei, welches geeignet sei, dem öffentlichen Ansehen der Universität zu schaden". Welche Angaben ich gemacht habe, sage ich dir gern: Im Lebenslauf stand das Wort "Domina" direkt drin. Wörtlich: "Selbständige Services auf Stundenbasis, von Nachhilfe-Unterricht bis Domina-Tätigkeit". Als ich den Uni-Vertrag gekriegt hab, wo drin stand, dass ich unter anderem verpflichtet bin, Nebentätigkeiten anzuzeigen, hab ich den rausgeschickt per Post und parallel an die Personalabteilung eine Email geschrieben, dass "ich die bestehende Tätigkeit - siehe Lebenslauf- gern weiter ausführen möchte". Auf den Zettel, den ich dann ausfüllen mußte zur Nebentätigkeitsanzeige, habe ich dann "Selbständige Services auf Stundenbasis" geschrieben, vielleicht sogar nochmal "-siehe Lebenslauf-", das weiß ich nicht mehr. Auf dem Zettel stand jedenfalls nicht wörtlich "Domina-Tätigkeit", aber im Lebenslauf stand es drin.

Das hat gereicht für die Kündigung?

Ja, das waren meine "vagen und diffusen Angaben". Ich bin der Meinung, ich habe sehr klare Angaben gemacht oder ihnen zumindest die Möglichkeit zur Zusammenschau gegeben. Das Wort "Domina-Tätigkeit" war da. Ich habe geklagt - es hätte ein toller Präzedenzfall werden können, aber man hätte hochklagen müssen bis zum EuGH und das auf eigenes Risiko. Da dies Risiko mir finanziell zu hoch war, habe ich dann doch in zweiter Instanz einen Vergleich angenommen. Der Vergleich war relativ großzügig. Scheinbar hatte die Uni auch kein Interesse, dass es einen Präzedenzfall gibt. Und ich habe mich zwischenzeitlich auch gefragt, ob es vielleicht dem "öffentlichen Ruf der Universität" mehr "schadet", wenn sie eine Domina kündigen, als wenn sie eine Domina nicht kündigen.

Ja, das wollte ich gerade sagen.

Ich bin quasi in meinen Bemühungen, da einen Präzedenzfall draus zu machen, eingeknickt aus finanziellen Gründen - weil ich das Risiko nicht allein tragen konnte und es nicht genügend Unterstützer/innen zu ausreichend sicheren Bedingungen gab. Das ist eine eigene Geschichte.

Ich fand meine Angaben jedenfalls nicht "vage und diffus", aber ich nehme an, dass die Leute durchaus schon vorher auch meine Angaben "Domina-Tätigkeit" gelesen haben und das auch zunächst okay fanden. Nur dass die meisten Studentinnen, die als Domina arbeiten, ganz anonym nur als "Lady Was-auch-Immer" bei irgendeinem Studio ohne Gesicht auf der Studio-Seite zu finden sind. Meinen vollen Namen kann man aber googeln und konnte darüber auf meine Webseite gelangen - mir war gar nicht bewußt in dem Moment, dass man das konnte. Auf meiner Seite steht der volle Name nur im Impressum, und dort sind die Suchmaschinen ausgesperrt - du landest also nicht über die Google-Suche nach meinem vollen Namen in meinem Impressum. Aber die Webseite war auf mich registriert, und in den Domain Registries war eben nachzulesen, wem domina-frankfurt.net gehörte und das erhielt man bei der Google-Suche nach meinem vollen Namen. Jemand wollte meine Publikationen googeln und hatte dann das gefunden und ist zu meinem Doktorvater hingegangen und hat gesagt: "Weißt du eigentlich, wen du da eingestellt hast?"

Da hat er gesagt: "Nee, wußte ich nicht", obwohl er den Lebenslauf gelesen und den Zettel unterschrieben hatte. Aber genau das war eben das Problem, dass "man" auf diese Art und Weise "öffentlich" über den Namen auf meine Domina-Tätigkeit schließen konnte. Aber weil diese öffentliche Auffindbarkeit das eigentliche Problem war, so ist es auch im Prozess herausgekommen, glaube ich, es wäre dasselbe Problem gewesen, wenn ich in einem privaten SM-Blog statt auf einer professionellen Anbieterinnen-Seite meine Vorlieben kundgetan hätte.

Personalrat und Frauenbeauftragte waren übrigens der Meinung, dass meine Nebentätigkeit nicht den "berechtigten Interessen der Universität" zuwiderläuft. Genau das hätte man durchklagen können. Aber man hätte sich hochklagen müssen.

Wie erlebst du das heute noch? In welchem Bereich bist du momentan tätig?

In der IT - ich bin bei einer kleinen Firma. Die Stelle habe ich so gesucht, dass ich die Nebentätigkeitserlaubnis bekomme. Ich habe die Domina-Tätigkeit auch im Lebenslauf erwähnt. Bei Unternehmen außerhalb des öffentlichen Diensts steht meist direkt im Vertrag drin: "Keine Nebentätigkeiten, außer nach vorheriger Abstimmung". Also habe ich, anders als bei der Uni, wo die Nebentätigkeitsanzeige mit der Vertragsunterzeichnung parallel lief, noch vor Unterschreiben des Vertrags gesagt, dass erst der Satz geändert werden muss und meine Nebentätigkeitserlaubnis darin festgeschrieben wird.

Der Kontakt zwischen der IT-Abteilung der Firma und irgendwelchen externen Personen erfolgt aber über die Kundenberater. Wenn irgendeine Kundenfirma auf das Unternehmen zugeht, dann sprechen die Leute also mit den Kundenberatern und die sagen dann: "Wir geben das Problem weiter an unsere IT." Die sagen nicht, wir geben das Problem an Frau Z. Ich tauche also nirgendwo mehr namentlich auf.

Würde ich an der Uni Karriere machen, wäre natürlich mein Ziel, auch Publikationen zu veröffentlichen. Das ist der Unterschied. Es gibt jetzt nur zwei Chefs über mir und die müssen sich einig sein. Es gibt also nicht viele Chefs, die wieder deren Chefs fragen müssen. Wenn mein Abteilungsleiter und der Geschäftsführer sich einig sind, dass es okay ist, solange ich meinen Job gut mache, dann ist es wirklcih okay.

Wissen deine Arbeitskollegen von deiner Domina-Tätigkeit? Man kommt ja früher oder später smalltalk-mäßig ins Gespräch: "Hey, was hast du am Wochenende gemacht?" Sagst du dann: "Ich hatte eine Session", oder wie gehst du damit um?

Ich habe das tatsächlich auch mit meinen Chefs besprochen. Am Anfang wurde klar gesagt, ich soll das allen nicht erzählen. Dann habe ich gefragt: "Wie soll ich damit umgehen, wenn alle zum Geburtstag einladen? Wenn ich zum Geburtstag einlade, kriegt man spätestens dann was von meinem SM mit, weil ich gemischte Gäste einlade." Da haben meine Chefs gesagt: "Ja, gut, da hast du Recht. Überleg halt, wem du es sagst."

Ich würde vielleicht von mir aus, wenn ich nicht diese Vorgaben hätte, noch offener damit umgehen. So versuche ich tatsächlich, nicht allzu lange in irgendwelchen Wochenendgesprächen drin zu sein - nur bei den Leuten, wo ich mich schon geoutet habe, tu ich das. Wobei IT nicht das Problem ist. IT ist männerdominiert, und die meisten Männer sind cool damit - die Frauen sind es, die Streß machen. Unter den Kundenberaterinnen lästern wohl einige Kolleginnen. Das wurde mir zumindest "hintenrum" zugetragen. Offen zickt mich niemand an.

Vielleicht sind es nicht die Männer an sich, die cool sind, sondern die Naturwissenschaftler/innen beiderlei Geschlechts. Im Physikstudium hatte ich, wenn ich Kommiliton/inn/en irgendwas erzählt hab, auch nie Schwierigkeiten. Da gab es eher "Aha, interessant" oder "Naja, gibt's halt". Männliche Naturwissenschaftler sind sehr neutral und nehmen das einfach als Fakt an. Geisteswissenschaftliche Frauen sind eher die, die tratschen. Über die anderen Kombinationen sowie über Nicht-Akademiker/innen kann ich wenig sagen, weil mir dazu zu wenig aufgefallen ist.

Okay. Ich glaube, das war es eigentlich schon. Das waren die wichtigsten Fragen, die ich an dich hatte. Hast du noch irgendwelche Fragen oder etwas, was du loswerden möchtest?

Nein.

Dann bedanke ich mich ganz herzlich bei dir, dass du dir die Zeit genommen hast und dass dabei ein so tolles Interview herausgekommen ist!


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