Vorlieben

BDSM jenseits der Klischees

"Sklavensau, knie nieder!" schreit die in Lack, Leder oder Latex gekleidete peitschenschwingende Herrin. So ungefähr sieht die Vorstellung von SM aus, wie sie von den meisten Medien (insbesondere den Fernseh-Privatsendern) propagiert wird.

"Der Sklave hat nichts zu vermelden" betont auch manche Domina-Webseite einer angeblich "naturdominanten" Lady, die dann meiner Einschätzung nach einfach nur unfreundlich auftritt - und die letztlich doch, schließlich wünscht auch sie sich wiederkehrende Kundschaft, versucht, die Sklavenwünsche zu erraten und ihm dann genau das zu befehlen, was er sich von ihr heimlich erhofft… ich empfinde dies als Illusionsverkauf…

Auch in der privaten SM-Szene wehren sich viele ganz vehement gegen das sogenannte "Topping from the bottom", bei der die ganz konkreten Wünsche des passiven Parts (=Bottom) den Spielverlauf steuern (= to top). "Ich bin doch kein/e Wunscherfüller/in" sagt mancher aktive Part dann entrüstet, oft habe ich sogar schon Ekel in der Stimme gehört, wenn dieser Satz voller Abscheu ausgesprochen wurde.

Aber die Spielarten von BDSM sind so viel facettenreicher: Jedes der oben genannten (Vor)Urteile über SM ist individuell verhandelbar, so habe ich die Vielfalt der "schwarzen Welt" ausgesprochen bunt kennengelernt: Es muss nicht (manchmal oder immer) Leder sein, kann aber. Es muss nicht (manchmal oder immer) Peitschen geben, kann aber. Sadismus muss nicht (manchmal oder immer) mit Dominanz einhergehen, kann aber. Die Herrin muss nicht (manchmal oder immer) gesiezt werden, kann aber. - Diese Reihe ließe sich endlos so fortführen…

Als ich selbst meine ersten Schritte in die Welt des BDSM machte, hatte ich eine erfahrene, geduldige und tolerante Top (=aktiver Part) an meiner Seite. Vor'm ersten Mal hatte ich Angst, als Bottom müsse ich nun über mich ergehen lassen, was auch immer sie mir antut, auch wenn es mir partout nicht gefiele. Stattdessen war mein erstes Play eine ganz wunderbare Wahrnehmungs-Session, bei der ich verschiedene SM-Werkzeuge wohldosiert am eigenen Leib spüren durfte, und sie fragte immer wieder: "Wie findest du es? Gefällt dir das so? Möchtest du mehr davon? Möchtest du weniger? Möchtest du etwas anderes probieren, oder das noch ein bißchen länger erleben?" und ich war total überrascht, wie nett BDSM sein kann. Und dass sie auch für Sexpraktiken offen war, die ich gar nicht dem BDSM zugerechnet hätte, aber die eben auch als "irgendwie pervers" galten. Dazu zählten zum Beispiel Rough Sex, Toilettensex, Erotik-Rollenspiele und alle Facetten von Fetisch, selbst wenn es dabei weder Schmerz- noch Dominanz-Aspekte gab. Tja, und bei einigen -nicht allen davon- hat der Bottom eben durchaus "etwas zu vermelden" oder sind die Rollen nicht so klar, wie man es auf den ersten Blick vermuten würde.

Service Topping

Zum Beispiel habe ich bei meiner ersten Playpartnerin gleich das Konzept "Service topping - dominant bottoming" kennengelernt - und auch sofort als ein mögliches (keineswegs einziges!) Konzept von BDSM sehr geschätzt. Sie brach sich "keinen Zacken aus der Krone" dabei, mich behutsam Dinge hierarchiefrei auszuprobieren zu lassen, mir aktiv zu dienen damit, daß sie mich "bespielte" - darin lag kein Widerspruch, es war ein total stimmiges Spiel zwischen ihr und mir. Später haben wir dann mal gewechselt: sie kannte ihre Wünsche genauer als ich, sie konnte sie formulieren und ich sie erfüllen (und in dem Fall damals auch: bei ihr lernen), auch das in absoluter harmonischer Einvernehmlichkeit: als Spielkomplizinnen gleichberechtigt ohne Hierarchie, aber ich aktiv die Praktiken ausführend und sie sich passiv hingebend.

Ist eine dominant-devote Hierarchie vereinbart und der/die Bottom muckt ständig auf, obwohl nicht bewußt mit Aufmüpfigkeit/Widerstand/Resistance gespielt werden soll, ist "Topping from the bottom" sicherlich ein unerwünschter Störfaktor im Spiel. Auch wenn der/die Bottom ständig durch Quengeleien oder nicht im Vorfeld besprochene Forderungen ein derartiges Setting unterwandert, kann der/die Top zu Recht genervt sein, insbesondere in einem finanzinteresselosen Kontext, da er/sie ja auch eigene Erwartungen/Hoffnungen ans Play mitgebracht hat - und es ist immer ärgerlich, wenn Vorabsprachen (oder stillschweigend als "normal für SM" akzeptierte Annahmen) nicht eingehalten werden. Falls der/die Top aber dem/der Bottom gern etwas zeigt und/oder ihm gern darin begleitet, eine bestimmte Erfahrung (wiederholt) machen zu können und/oder einfach nur bereitwillig (aus Liebe/Zuneigung und/oder aus Freude an den Reaktionen des Bottoms und/oder als entgeltliche Dienstleistung) bei einer Fantasie-Umsetzung assistiert, dann ist darin kein Makel per se. Dann ist der/die Top einfach ein/e "service top" und macht das freiwillig und einvernehmlich, und das "topping from the bottom" ist dann kein Regelverstoß, sondern Bestandteil des beidseitig geplanten Settings - und das ist, um es mal mit Wowereits Worten zu sagen, dann auch "gut so" !

Untypische Fetischmaterialien

Bei den meisten Fetischveranstaltungen gibt es einen strikten Dresscode. Über das oben erwähnte LLL (Lack-Leder-Latex) hinaus werden z.B. noch elegante Abendgarderobe oder Dessous akzeptiert. Aber was ist, wenn jemand nunmal auf rosa Baumwollpullover oder auf Trainingshosen oder auf Sneakers steht? Oder sich tatsächlich in ganz normalen Jeans mit T-Shirt am wohlsten fühlt? Muß er dann auf die Fetischlust verzichten, um sich wieder an die Szene anzupassen?

Bei einer öffentlichen Party mit vorgegebenen Dresscode hat man keine Wahl. Für diejenigen Fetische, die etwas verbreiteter sind in speziellen Subkulturen (z.B. Sneakers in der Gay Szene) gibt es dann u.U. spezielle Events - andere Fetischisten gehen einfach leer aus; und auch diejenigen, denen Kleidung oder sogar Nacktheit einfach "schnuppe" ist.

Sagen Sie mir, worauf Sie Lust haben. Was Sie bei mir anziehen wollen, was ich für Sie anziehen soll - falls ich es nicht im Fundus habe, können Sie es mir auch gern besorgen oder ich bestelle es in Ihrem Auftrag.

Untypische Rollenspiele

Herrin & Sklave, Chefin & Angestellter, Ärztin & Patient, Frauchen & Hund - derartige Rollenspiele sind beim BDSM weit verbreitet. So, wie wir uns darüber verständigen können, ganz ohne Rollen und Hierarchien zu spielen, können wir aber auch untypische Rollen finden oder unseren Rollen dann wieder rollenuntypisches Verhalten zuschreiben oder auch bzgl. des Rollenverhaltens switchen:

Asymmetrischer Sex

Eine/r macht, eine/r läßt machen. Wenn dies bei sexuellen Praktiken klar zu trennen ist, es also eine/n Aktiva/Aktivus und eine/n Passiva/Passivus gibt, und zwar auch eindeutig im Hinblick auf das Ausüben (aktiver Part) und Empfangen (passiver Part) direkter genitaler Stimulation, dann spreche ich von "asymmetrischem Sex".

Konventioneller Geschlechtsverkehr eines heterosexuellen Paares, bei dem der Penis ebenfalls beim Zustoßen in die Vagina stimuliert wird, wäre demnach nicht ausreichend asymmetrisch. Gleichermaßen wäre lesbische Tribadie, bei der die beiden Vulvae aneinander gerieben werden, keine asymmetrische Praktik. Auch dann bezeichne ich solche sexuellen Praktiken noch als "genitalsymmetrisch", wenn dabei eine/r allein die Bewegung antreibt (z.B. den/die andere mit kräftigen Stößen fickt oder reitet, während der/diejenige stillhält).

Praktiken wie Petting oder Oralsex können hingegen assymmetrisch oder symmetrisch ausgeübt werden: im letztgenannten Fall würde man es sich gegenseitig besorgen, im erstgenannten Fall treffen lediglich die Hände des aktiven Parts (oder Sextoys, die er steuert) auf die Geschlechtsteile des passiven Parts. Das ist insbesondere bei Einbeziehung von SM-Möbeln wie Gynstuhl, Sling oder Bondagebock meist sehr eindeutig: der/diejenige, der darauf -wohlmöglich gar gefesselt- liegt und/oder sitzt, wird meistens ausschließlich passiv empfangen (= erleiden und/oder genießen) und vom Gegenpart aktiv bespielt.

Solch asymmetrischer Sex ist oft, aber nicht immer, Bestandteil von BDSM. Dabei ist zunächst offen, wer in den Genuß der erotischen Stimulation und somit auch meistens eines Orgasmusses kommt: Es kann der/die Top (aktiver i.S.v. das Spiel leitender Part) sein, der/die sich sexuell (passiv!) bedienen läßt. Es kann aber auch der/die Top (aktiver i.S.v. das Spiel leitender Part) sein, der/die die sexuelle Stimulation ausführt und somit die Lust des/der Bottom (aktiv) kontrolliert und/oder lenkt.

Je stärker ein aktiv-passives Gefälle thematisiert wird, desto eher ist der asymmetrische Sex als eine "Spielart" von BDSM zu rechnen. Zum asymmetrischen Sex können aber zum Beispiel auch Erotikmassagen und Tantra-Massagen zählen, die wiederum mit BDSM im Bereich des Sensual Play überlappen können, aber nicht müssen.

Sensual Play

Viele Praktiken des BDSM drehen sich um das Einschränken von Sinneswahrnehmungen und/oder um deren ganz bewußtes Wahrnehmen. Von "Sensual Play" spricht man insbesondere dann, wenn das Einsetzen sinnesreduzierender oder -schärfender Toys bzw. Anwenden entsprechender Praktiken nicht nur Mittel zu einem anderen übergeordneten Zweck ist, sondern Selbstzweck, wenn sich der passive Part also bewußt auf das Fühlen der entsprechenden Sinneswahrnehmung bzw. auf das Fühlen ihrer Abwesenheit konzentrieren soll.

So kann zum Beispiel eine körperliche Peinigung eher Bestandteil eines Rollenspiels sein, wenn sie als "Strafe" ausgeführt wird, oder ein Selbstzweck, wenn es ohne jede Ablenkung durch eine Story nur um's bewußte Spüren und Nachfühlen des Schmerzes geht.

Werden jemandem die Augen verbunden und gleich darauf eine andere Praktik mit hoher Eigendynamik in den Mittelpunkt gerückt, geht es wohl eher um die andere Praktik - wird das Blindfolding aber bewußt zelebriert und konzentriert sich so der/die Passive zwangsläufig auf seinen/ihren (temporär ausgeschalteten) Sehsinn (u.U. noch mit weiterer Sinnesdeprivation verbunden wie Breathplay = Atemkontrolle, Gagging = Knebelung o.ä.) und geht es an nur nur noch um das Fühlen der Bondage, dann ist das Setting primär ein Sensual Play.

Auch hier gibt es heftige Diskussionen, ob Sensual Play nun "echter BDSM" ist oder nicht. Es ist weder B/D (zumindest nicht in jedem Fall eindeutig - es kann Überlappungen zum "Bondage" geben!) noch D/S noch S/M "im engeren Sinn". So, wie ich BDSM "im weiteren Sinn" verstehe, zählt Sensual Play als "erotische Praktik mit Schwerpunkt auf einer bestimmten Wahrnehmung bzw. Abwesenheit einer Wahrnehmung" immer dazu. Auch die meisten Materialfetische sind sinnliche Wahrnehmungen - man spürt ganz bewußt das Material auf der Haut, z.B. die Flauschigkeit und Weichheit bei Pelz oder die Kühle und Glätte bei Latex; man riecht den materialeigenen Duft etc.

Sensual Play kann übrigens asymmetrisch oder symmetrisch erfolgen: Es kann eine/n Top geben, der/die eine/n Bottom mit den diversen Sinnesreizen oder -entzügen einseitig konfrontiert, man kann sich aber auch bei manchen Praktiken gemeinsam auf die jeweiligen Reize einlassen und u.U. gar nicht in Top & Bottom unterscheiden, sondern gemeinsam der Wahrnehmungslust frönen: z.B. tragen beide Seiten Masken oder geben sich demselben Materialfetisch hin…

Switching

"Beim SM gibt es immer eine aktive und eine passive Seite". / "Beim SM gibt es immer eine dominante und eine devote Seite." / "Beim SM gibt es immer eine sadistische und eine masochistische Seite." - Diese Vorurteile habe ich ja oben bereits alle irgendwie dekonstruiert: man kann manch einen Fetisch gemeinsam gleichberechtigt genießen; man kann durchaus auch jemanden nach seinen Wünschen mit Schmerz verwöhnen, ohne dass dies als Faux-pas zählen muß; man kann völlig schmerzfreie Praktiken wählen…

Betrachten wir nun aber bewußt diejenigen Spielarten von BDSM, bei denen es eine aktive und eine passive Seite gibt (insbesondere S/M = Spiel mit Schmerzzufügung und -erduldung; und D/S = Spiel mit Dominanz und Devotion). Das heißt dann auch noch nicht zwangsläufig, daß ein/e Anhänger/in dieser Spielarten sich jedes Mal, wenn er/sie diese praktiziert, dieselbe Ausrichtung haben muss, z.B. "immer aktiv" oder "immer passiv" ist. Das kann von Session zu Session wechseln, es kann sogar -falls vorher vereinbart- innerhalb einer Session wechseln. Im letztgenannten Fall spricht man von einer Switching-Session, in beiden Fällen ist die Person selbst ein/e Switcher/in. Und diejenigen, die switchen, switchen noch nicht zwangsläufig bzgl. jeglicher BDSM-Praktiken und nicht in jeglichem BDSM-Kontext. So kann ich zum Beispiel im Rahmen von S/M und D/S entscheiden, nur privat zu switchen, aber nicht im professionellen Kontext; dies aber bzgl. Sensual Play und insbesondere Materialfetischsessions anders handhaben und im Bedarfsfall individuell verhandeln…


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