Vorlieben

Edgeplay, Tunnelspiele und Challenges

Im Folgenden möchte ich die Spannweite von "Edgeplay" erläutern und dies dann noch gegen die Begrifflichkeiten "Tunnelspiel" und "Challenge" abgrenzen bzw. Überschneidungen aufzeigen.

Edgeplay als Spiel mit den Grenzen

Das englische Wort "Edge" kann entweder wörtlich als "Kante/Klinge/Schneide" übersetzt werden oder übertragen als "Grenze, Rand". Auf dieser Seite geht es um Edgeplay im Sinne von Grenzspiel. (Für Informationen über Spiele mit Messerkanten und Nadelspitzen, die gelegentlich auch als "Edgeplay" bezeichnet werden, verweise ich auf die zugehörige Unterseite).

Wenn man sich darauf geeinigt hat, "Edgeplay" als "Grenzspiel" zu verstehen, stellt sich natürlich die Frage, mit welchen Grenzen gespielt wird. Und ob es sich dabei automatisch auch um ethisch und/oder gesundheitlich "grenzwertige" Spiele handelt, also um Spiele an der (jeweils subjektiv gezogenen) Grenze von Safety und Sanity.

Das kann zwar der Fall sein (und sollte es nur, wenn man sich dann trotzdem sehr reflektiert im Rahmen von risk-aware consensual kink (rack) mit den spezifischen Gefahren, schlimmstmöglichen Konsequenzen und ggf. möglichen Aftercare-Strategien auseinandergesetzt hat!), aber zunächst einmal verstehe ich -und verstehen auch viele andere Leute- Edgeplay einfach als topseitig sowie bottomseitig bewußte und absichtsvolle Konfrontation des/der Bottoms mit seinen/ihren persönlichen Grenzen, wobei dies persönliche körperliche Leistungsgrenzen oder persönliche Psycho-Limits (meistens Ängste unterschiedlicher Intensität, ggf. aber auch Psycho-Streß oder Ekel/Scham) sein können.

Das kann objektiv gesehen im Hinblick auf Safety / Sanity sehr harmlos sein: Wenn jemand zum Beispiel ungern Bananen ißt, aber keine Bananen-Allergie hat, kann es ein Edgeplay sein, unter den kontrollierenden Augen des/der Top/s eine Banane zu verzehren.

Challenges

"Führe mich an meine Grenzen und ein bißchen darüber hinaus" - wenn jemand so etwas zu einer Domina sagt, meint er meistens, daß er bzgl. einer bestimmten Praktik, die er bereits kennengelernt hat, etwas weitergehen möchte als jemals zuvor. Oder daß er etwas Neues ausprobieren möchte, was zugleich einen Reiz ausübt als auch Skepsis oder gar Furcht bewirkt.

"Ich hätte nicht gedacht, daß ich das aushalte" ist dann im Idealfall das erstaunte und stolze Resumée, wenn z.B. eine subjektiv als hoch empfundene Anzahl an Schlägen erreicht wurde (auch wenn es eine objektiv an Statistiken gemessene eher niedrige Anzahl an Schlägen ist) oder man sich einer Praktik unterzogen hat, bzgl. der man bislang Ambivalenz empfand, z.B. eine erste Nadelung.

Challenge heißt einfach nur: Herausforderung. Ein bewußt und absichtsvoll passiv zu erduldendes Erlebnis bzw. eine aktiv zu erfüllende Aufgabe wird nur dann zur persönlichen Herausforderung, wenn dies subjektiv als schwierig, i.e. körperlich und/oder psychisch anstrengend, empfunden wird. Eine Anstrengung wird aber erst dann empfunden (und oft -auch in anderen Gebieten als dem BDSM- dadurch auch Ehrgeiz geweckt), wenn man an die persönlichen Grenzen gerät. Insofern ist jede Challenge per definitionem ein Edgeplay.

Warum bewußt und absichtsvoll mit persönlichen Grenzen gespielt wird, kann wiederum verschiedenste persönliche Beweggründe haben: Man kann sich körperlichem und/oder psychischem Streß z.B. aus Freude an der Adrenalin-Ausschüttung aussetzen (was im BDSM ebenso wie z.B. im Sport passiert, vgl. auch "Sport und BDSM") oder aus Demutsbezeugung gegenüber einer fordernden Herrin, man kann auch eine spannende Selbsterfahrung (ggf. bis hin zur Katharsis, ggf. aber auch einfach ein faszinierendes Körpergefühl) suchen.

Gelegentlich unterscheide ich in Body Challenges, welche vor allem Grenzerweiterungen bzgl. körperlicher Praktiken/Handlungen betreffen, und Psycho Challenges, bei denen es vorrangig oder ausschließlich um geistiges Empfinden geht - zum Beispiel durch ein Rollenspiel oder eine Traumreise mit persönlich konfrontativer Thematik. Insbesondere bei traumatisch belegten Thematiken ist äußerste Vorsicht geboten, u.U. werden aber gerade auch entsprechende Edgeplays als heilsam empfunden - vergleiche Gefahren von Psycho Play sowie die Abschnitte Tunnelspiel und Kink-aware Professional am Ende dieser Seite!

Unter Umständen kann die einvernehmlich absichtsvolle (und ggf. wohldosierte und via Codeword zu beendende) Konfrontation eines Phobikers / einer Phobikerin (bei nicht zu heftiger Phobie) mit dem Auslöser der Phobie auch eine (relativ harmlose) psychologische Challenge sein.

Da körperlich als grenzwertig empfundene Herausforderungen aber meistens auch starke Emotionen auslösen (z.B. Ängste), ist der Übergang von Body Challenges zu Psycho Challenges sehr fließend.

Die Grenzen von Grenzspielen

Manchmal werden im BDSM, insbesondere im DS, aber auch anstrengende Aufgaben gestellt, ohne daß der Aspekt der Grenzerfahrung im bewußten Focus des Plays liegt. Dann geht es zum Beispiel einfach um die Ermüdung des Subs. Oder darum, ihm seine Ohnmacht aufzuzeigen. Der Bottom fühlt aber vorrangig tatsächlich die Erschöpfung bzw. die Machtlosigkeit, nicht die gemäß meinem Verständnis für bewußte und absichtsvolle Grenz-Konfrontationen charakteristische innerliche Anspannung, die ich auch als Grenz-Bewußtsein bezeichne. Ein anstrengendes, herausforderndes Play ohne ein solches Grenz-Bewußtsein nenne ich nicht Edgeplay (und auch nicht Challenge, wenn der Schwerpunkt der Empfindungen bei Top und Bottom gar nicht gezielt auf dem Herausfordern und Herausgefordert-Werden liegt).

Manchmal werden Grenzen auch erst zufällig im Laufe des Spiels entdeckt, dann aber sofort als Tabu erkannt und z.B. via Codeword kommuniziert und vereinbarungsgemäß das entsprechende Spiel-Element abgebrochen, so daß die Grenzerfahrung nicht vertieft wird. Auch dann spreche ich nicht von Edgeplay.

Auch erscheint mir nicht jeder Wunsch nach einem Grenzerleben überhaupt mit dem Play-Gedanken kompatibel. Dies ist der Fall, wenn dem Bedürfnis nach dem Überschreiten der Grenzen der Genuß- und Lustaspekt ebenso wie ein anderes (von mir subjektiv) als vergleichbar positiv eingestuftes Ziel (z.B. Selbsterkenntnis) fehlt, sondern wenn stattdessen ein verzweifelter Zwang zugrunde liegt wie z.B. bei Borderlinern. Was überhaupt kein Play ist, kann natürlich auch kein Edgeplay sein. Anders gesprochen: es kann kein risk-aware consensual kink sein, was kein Kink ist.

Hard Limits und Soft Limits

Die Worte "Tabu" und "Grenze" werden im BDSM oft synonym verwendet. Typischerweise werden Passive vor einer BDSM-Session von den Aktiven nach ihren Tabus gefragt. Sofern nicht explizit anders vereinbart, sind Tabus dann allerdings als unantastbare Grenzen ("Hard Limits" / "Harte Tabus") zu verstehen. Der Aktive ist bdm-ethisch verpflichtet, diese niemals absichtsvoll zu überschreiten: Da der Bottom klar kommuniziert hat, daß er die entsprechenden Praktiken und/oder Thematiken ausschließen möchte, wäre andernfalls keine Konsensualität mehr gegeben.

Wie zuvor erläutert, kann ein Bottom sich allerdings danach sehnen, im Rahmen eines idealerweise vom Top im Sinne von rack fürsorglich geführten/kontrollierten/begleiteten Edgeplays eine spezielle Grenzerfahrung zu machen. Oder sich seinem Top zuliebe bzw. zu Ehren freiwillig und/oder aus eigener Neugier heraus experimentierfreudig auf Challenges einlassen. Persönliche Grenzen, mit denen bewußt und absichtsvoll gespielt werden darf oder sogar verabredungsgemäß im Rahmen eines Edgeplays gezielt gespielt werden soll, werden auch als "Soft Limits" ("Weiche Tabus") bezeichnet.

Ggf. kann ein Bottom seine Hard Limits und Soft Limits gegenüber verschiedenen Tops unterschiedlich festlegen, z.B. seine Einwilligung zu gewissen Praktiken von der jeweiligen Kompetenz des Tops oder von der Art/Intensität der jeweiligen Spielbeziehung abhängig machen. Um sich -egal ob aktiv oder passiv- auf ein Edgeplay einzulassen, sind beiderseitiges Vertrauen und beiderseitiges Verantwortungsbewußtsein/Reflexionsvermögen meiner Meinung nach eine unverzichtbare Voraussetzung.

Tunnelspiel

Oft werden die Begriffe "Edgeplay" und "Tunnelspiel" in einen Topf geworfen. Dabei muss ein Tunnelspiel kein Edgeplay sein und umgekehrt ein Edgeplay auch kein Tunnelspiel, obwohl beides durchaus zusammenfallen kann.

Ein Tunnelspiel ist etwas, wo man durchmuß (wie durch einen Tunnel ohne Seitenausgänge), wenn man es einmal begonnen hat. Und wo selbst dann, wenn Top und Bottom es beide wirklich wollten, kein Codeword einen vorzeitigen Abbruch bewirken könnte. Ein Tunnelspiel ergibt sich zum Beispiel, wenn Rheuma-Salbe auf die Genitalien aufgetragen wird: das brennt fürchterlich, und egal was man dann unternimmt, man kann das Gefühl nicht ungeschehen machen und der Bottom muss notgedrungen darauf warten, dass es von alleine aufhört.

Aber gerade am Beispiel Rheumasalbe auf den Genitalien (wovon ich übrigens abrate, wenn man mit den Wirkungen auf den eigenen Organismus nicht bereits bestens vertraut ist) zeigt sich gut, daß ein Tunnelspiel nicht zwangsläufig ein Edgeplay sein muss. Wenn jemand zum Beispiel regelmäßig auf diese Weise mit Rheumasalbe spielt und das Gefühl bereits gut kennt und es dabei keineswegs als subjektiv grenzwertig empfindet, sondern wohlmöglich einfach als wohligen Schauer liebt, dann ist es logischerweise kein Edgeplay für ihn.

Ein (ggf. riskantes!) psychologisches Tunnelspiel entsteht zum Beispiel, wenn man einen psychologischen Trigger absichtsvoll einsetzt. Triggert man hingegen nicht absichtsvoll, sondern versehentlich oder böswillig, ist dies kein risikobewußtes, absichtsvolles Play, löst aber ebenfalls eine (ggf. riskante!) Tunnelsituation aus. Bei psychologischen Edgeplays sollte man sich immer bewußt sein, daß sie u.U. auch zu unbeabsichtigten Tunnelsituationen führen. Ein psychologischer Trigger stößt eine Emotion an oder löst eine Erinnerung aus, welche danach nicht zuverlässig kontrollierbar (insbesondere ggf. weder von Top noch Bottom willkürlich stoppbar) ist. Dies ist bei der Risiko-Abwägung unbedingt zu bedenken! Ein Codewort gibt hier keine Sicherheit!

Den Begriffen Challenge und Edgeplay ist gemeinsam, daß sie per se nichts darüber aussagen, welche Praktiken oder welche Traumreisen/Rollenspiel-Szenarien als Herausforderung oder als Grenze empfunden werden, sondern dass dies nur individuell durch die jeweilige Person definiert werden kann.

Auch "Tunnelspiel" sagt erstmal nichts über die Praktik aus, sondern nur über die zeitlich begrenzte Ausweglosigkeit.

Natürlich ist eine Grenzerfahrung, der man sich im Rahmen eines Edgeplays aussetzen möchte, umso intensiver, wenn man sie für eine gewisse "Tunnel"-Dauer ohne Ausweg ertragen/aushalten muß. Eine Praktik bzw. ein Traumreise/Rollenspiel-Szenario, das per se schon subjektiv als Edgeplay empfunden würde, wird dadurch noch weiter gesteigert.

Zudem kann für einige Menschen alleine die Gewißheit, eine als unbequem empfundene Situation (nahezu egal welche) für eine gewisse Dauer nicht abbrechen zu können, eine subjektive Grenzerfahrung darstellen und somit nahezu jedes (unbequeme) Tunnelspiel automatisch zu einem Edgeplay werden.

Kommentar eines kink-aware professionals

Ich habe einen Mediziner mit dem Fachgebiet Psychiatrie/Psychologie gebeten, diese Seite sowie die Unterseiten zu Psycho-Spiel gegenzulesen.

Hiermit möchte ich seine Antwort hinsichtlich der Edgeplay-Seite wiedergeben:

Schön, wieder von Dir zu lesen! Deine Texte sind so gut durchdacht, dass es anmaßend wäre, hier "Korrektur lesen" zu wollen. Mir sind lediglich ein paar Gedanken dazu gekommen: Grenzen schaffen Konturen und damit Identitäten. Wer wirklich Grenzen überschreiten möchte, wird damit seine Identität, vielleicht sogar seine konkrete Existenz, aufs Spiel setzen.

Der Wunsch nach Verwandlung und Veränderung ist legitim. Abgesehen von seltenen spirituellen Erfahrungen wird vor allem das Bekenntnis zur eigenen Verletzlichkeit und die gleichzeitige Bereitschaft, eigene Grenzsetzungen aufzugeben, zu einer inneren Entwicklung führen können.

Das alles scheint mir aber nur möglich, wo eine tiefe Liebe wirkt. Mein Eindruck bei unserer einmaligen und schönen Begegnung war, dass Du dieser Form der Liebe fähig bist; dann ist alles möglich!

Wo aber die Bereitschaft zum bergenden Miteinander nicht mehr trägt, landen alle Grenzüberschreitungsbemühungen in einer ausschließlich bizarren Region, die man nicht verachten, aber in ihrer Gefährlichkeit äußerst vorsichtig betreten sollte.

Bitte verzichten Sie niemals darauf, sich im Vorfeld eigene Gedanken über Ihre "Must-Have's" und "No-Go's" zu machen und sich eigenverantwortlich für oder gegen ein Edgeplay -und für oder gegen eine bestimmte Intensität des Edgeplays- zu entscheiden.


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