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Achtsamkeit

Achtsam ist, wer auf etwas achtet.

Obwohl Menschen schon immer auf Dinge achteten, kam der Begriff jedoch erst in den letzten Jahrzehnten vermehrt in den deutschen Sprachgebrauch.

Teilweise wird er von Leuten innerhalb von Subkulturen verwendet, die ganz genaue Konventionen haben, worauf "man" zu achten hat und wie die jeweiligen Wahrnehmungen zu deuten sind. Und wie "man" wiederum auf die entsprechenden Deutungen zu reagieren hat.

Es geht also um eine ziemlich limitierte Achtsamkeit. So war zumindest mein erster Eindruck, bevor ich mich damit beschäftigte, in welchen Bedeutungs- und Sinn-Zusammenhängen das Wort "Achtsamkeit" in die moderne deutsche Sprache verstärkten Einzug nahm. Diese geben Nebenbedeutungen vor.

Erstmal wörtlich: Auf etwas/ jemanden achten

Wörtlich genommen beschreibt "Achtsamkeit" in deutscher Sprache die Praxis, auf etwas zu achten. Es wahrzunehmen. Mitzubekommen, dass es passiert. ("Ich achte auf Geräusche.") Ggf. auch darauf aufzupassen, dass es fortbestehen kann. ("Ich achte auf meine Gesundheit." - "Ich achte auf dein Gepäck.")

Als deutschsprachige Synonyme werden je nach beabsichtigtem Bedeutungsschwerpunkt Aufmerksamkeit, Sorgsamkeit, Wachsamkeit, Umsicht, Vorsicht, Gründlichkeit, Interesse, Augenmerk, Behutsamkeit vorgeschlagen.

Mit Nebenbedeutung: Care vs. Mindfulness

Wie oben erwähnt, erfährt der Begriff "Achtsamkeit" aber kontextuell (und daher auch subkulturell) bedingte Bedeutungsverschiebungen. Um den jeweils gemeinten Rahmen zu verdeutlichen, benutzt man auch im Deutschen gelegentlich die englischen Unterscheidungen in "care" und "mindfulness".

Fürsorgliche Achtsamkeit = Care

Im Zuge der 2. Frauenbewegung wurden Pflege-Tätigkeiten (Kinderbetreuung, Kranken- und Altenpflege, etc.), die sowohl bezahlt als auch unbezahlt überwiegend von Frauen ausgeübt wurden, feministisch reflektiert. Und es wurden Ethik-Verständnisse in diesem Kontext entwickelt. Die Diskussion schwappte aus dem englisch-sprachigen Sprachraum herüber, die Arbeit wird auch unter Deutschen nun als Care-Arbeit bzw. die Ethik als Care-Ethik bezeichnet. (Die englischen Begriffe "to care" oder "to take care" heißen "sich kümmern, pflegen".)

Wenn in diesem Sinn- und Bedeutungszusammenhang (bzw. in vergleichbaren Kontexten) der Begriff "Achtsamkeit" als ethische Maxime gebraucht wird, ist damit eine fürsorgliche Aufmerksamkeit gemeint, bzw. die achtsame Zuwendung. Diese beinhaltet unter anderem, sich Zeit zu nehmen, rückzufragen und zuzuhören. Nicht nur oberflächlich mitzufühlen, sondern sich wirklich einzulassen. Zur ethischen Praxis der Achtsamkeit gehört auch auch eine Verbindlichkeit im Umgang und die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf die Bedürfnisse des Gegenübers zu focussieren.

In diesem Kontext bekommt also "Achtsamkeit" einerseits eine moralphilosophische Bedeutungseinschränkung auf "Achtsamkeit für die Bedürfnisse und Belange anderer Menschen" und geht zugleich begriffserweiternd mit den interaktionellen Nebenbedeutungen Fürsorge/Zuwendung/Anteilnahme, Respekt/Rücksichtnahme/Regardfulness, Achtung/Bezogenheit/Verantwortung und Aufmerksamkeit/Präsenz/Attentiveness einher.

Um dies leisten zu können, ist ein gewisses Bewußtsein für physische, psychologische und emotionale Zustände erforderlich. Dies kann insbesondere schwierig werden, wenn die Beteiligten unterschiedliche (sub)kulturelle Konventionen erlernt haben und/oder keiner (sub)kulturellen Norm entsprechen.

Wikipedia bezeichnet die Ethik der Achtsamkeit als "zeitgenössische europäische Variante der Care-Ethik". Anders als bei der Care-Ethik liegt aber der Schwerpunkt weniger auf Sozialsystemkritik als auf der Optimierung des Gelingens inter-individueller Kontakte (alltägliche Beziehungspflege, Versorgung und Bezogenheit).

U.a. wirken Pflege-, Politik-, Sozial- und Medizinwissenschaften an der wissenschaftlichen Entwicklung der ethischen Maßstäbe mit. Zugewandte Achtsamkeit wird dadurch zu einer Werte-Norm erhoben und steht so beispielsweise neben anderen Wert-Normen wie "Gleichheit" oder "Gerechtigkeit".

Achtsame Geisteshaltung = Mindfulness

Ein anderer Kontext, in dem der Begriff "Achtsamkeit" verwendet wird, sind vom Buddhismus inspirierte Meditations- und Therapie- bzw. Präventions-Ansätze.

Hier ist man nicht achtsam im Bezug auf weitere Individuen, sondern achtsam als Selbstzweck, für das eigene Wohlbefinden. Um zur Erleuchtung zu gelangen. Um Leiden zu verringern. Um sich zu entspannen oder den Geist zu reinigen. Um inneren Frieden zu finden. Um von einem Trauma zu heilen.

Es geht dabei um eine sehr umfassende, sehr bewußte, sehr präsente (= auf Gegenwart bezogene), nicht-wertende Wahrnehmung der Umgebung sowie aller eigenen körperlichen, kognitiven und emotionalen Empfindungen/Zustände. Diese Fähigkeit kann geübt werden, einige Menschen bringen sie bereits als natürliche Persönlichkeitseigenschaft ein.

Das Wahrgenommene soll nicht analysiert werden und insbesondere nicht willentlich beeinflußt - es geht darum, Gedanken und Gefühle "kommen und gehen zu lassen", es geht um Akzeptanz des Ist-Zustands.

Als deutsches Synonym für diese Art von Achtsamkeit fällt mir am ehesten Gewahrsein ein, evtl. auch noch Bewußtseins-Offenheit. Im Englischen (sowie gelegentlich zu Abgrenzungszwecken auch im Deutschen) spricht man meistens von Mindfulness, seltener von Awareness. Freud sprach von kritikloser Selbstbeobachtung, einige Psychowissenschaftler nutzten den Begriff "Bewußtheit" (nicht: Bewußtsein).

Die verschiedenen Schulen empfehlen eine Selbstregulation der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment durch Unterdrücken elaborativer (= informationsverarbeitender, weiterführender) Gedanken.

Achtsamkeit ist idealerweise geprägt von Neugier/Wissensdrang, Offenheit/Bandbreite (für das gesamte Spektrum von möglichen Erfahrungen) und Akzeptanz. Sie ist das Gegenteil von Focussierung (= Konzentration auf einen Teilaspekt). Manchmal wird Focussierung auch als "begrenzte Aufmerksamkeit" und Achtsamkeit als "unbegrenzte Aufmerksamkeit" bezeichnet. Die buddhistischen Schulen lehren die Praxis von beiden Varianten - eine ist nicht genügend oder die andere!

Es finden sich wiedersprüchliche Aussagen, ob diese Achtsamkeit absichtsvoll oder absichtslos ist - vermutlich kommt es auf die Absicht an. Ich würde es so deuten, dass es die Absicht ist, möglichst viel Gegenwärtiges mitzubekommen - aber nicht die Absicht, es zu verändern oder zu verfolgen (sich hinein zu verbeißen oder darin hängenzubleiben).

Care und Mindfulness im BDSM

Tatsächlich habe ich den Begriff "Care-Giver" im BDSM-Kontext gehört, bevor ich ihn im Kontext der Care-Ethik kennenlernte. Service Tops sind insbesondere dann Care-Giver, wenn sie dem/der Sub fürsorglich-aufmerksam zugewandt zu wohligen Emotionen oder körperlicher Wellness verhelfen.

Gleichermaßen kann sich ein/e Sub "care-giving" gegenüber dem/der Top verhalten, z.B. im Body Worship oder in alltagspraktischer Dienstbarkeit (z.B. Decken des Tischs, Putzen der Räume oder Schuhe etc.) - letzteres wohl eher in engeren, privaten Beziehungen.

"Care" kann sowohl beim D/S als auch beim S/M geschehen. Beim D/S und sogar beim TPE kann insbesondere der/die Top auch zur Erreichung persönlicher Ziele hin coachen bzw. erziehen und dies liebevoll-fürsorglich tun.

Auch liebevolle und/oder fürsorgliche Mummys und Daddys im Ageplay sind fast immer Care-Giver für ihre Adult Babies.

Dabei kann "care" wahlweise im o.g. engen Bedeutungssinn verwendet werden (zugewandte Achtsamkeit) oder einfach in einem allgemeineren Sinn - dann würde ich es, auf BDSM bezogen, in den meisten Fällen eher mit "Verwöhnung" als mit "Pflege" ersetzen.

"Mindfulness" kann ebenfalls hervorragend im BDSM trainiert werden. Es kann dann Überschneidungen zum Tantra geben, dies ist jedoch kein Muss. Sie können auch eine Bizarrmassage oder ein Mind & Soul Play sehr bewußt dazu nutzen, achtsam im o.g. Sinne Ihre eigenen Reaktionen wahrzunehmen, Ihre Reaktionen kommen und gehen zu lassen, absichtlos (auch absichtslos hinsichtlich Orgasmus - das können wir dann wahlweise zum Sessionende hin noch ändern oder wirklich beibehalten) aufmerksam zu spüren…

Es kann Ihre persönliche Challenge oder auch einfach nur ein Training sein, sich im (einerseits sicheren und andererseits zeitlich klar begrenzten) Rahmen einer Session ganz auf umfassendes, nicht-wertendes Spüren der Gegenwart "in voller Bandbreite" einzulassen. In gewisser Hinsicht ist das ein Sensual Play für den Kopf - man muss sich nur einlassen und fallenlassen, und erfahrungsgemäß geht das mit liebevoll-fürsorglicher Begleitung besser. Der/die Top "takes care" für den/die Sub, welche/r die Fähigkeiten / Fülle / Fulness des "mind"s (vielleicht erstmalig) auskostet.


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